„Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Vorbild der Lebendigen!“ (Shakespeare, Hamlet, 2.2) Und doch, was ist mir diese Quintessenz von Staub? Ich habe keine Lust am Fußball und Toren. (Fast Shakespeare Hamlet, Bumann 9.7.)

Zum armseligen, feigen Spiel zwischen öden Argentiniern und drögen Niederländern, kann man Shakespeare wundervoll ergänzen. Die Pflicht zum Querpass am besten leicht in Richtung eigenes Tor, die offenbar eine Vorgabe, ja Taktik war, um ja kein Tor zu kassieren, machte das zweite Halbfinale zu spektakulären Vakuum, zu einem Ereignis, das am besten auf der Rückseite des Mondes hätte stattfinden sollen. Wenn einmal die Möglichkeit bestand, auch nur in die Nähe eines Hauches Torgefahr zu kommen, dann versagten, verstolperten auch einige der teuersten Beine dieses Planeten, als wären diesen längst die Füße eingeschlafen. Mehr kann man zu dieser organisierten Langweile nicht sagen. Es kam zum „Sein oder nicht sein“ und Argentinien ist im Finale.

Ein Drama wie das erste Halbfinale, die vollkommene Implosion einer Mannschaft, ja eines ganzen Landes, hätte man im Globe Theater wohl für übertriebenes Schmierentheater gehalten. Eine Handlung, getragen von mittelmäßigen Akteuren, deren Spitzenkraft Thiago Silva sichtbar fehlte, die von Anfang an nur darauf beruhte, sich den Glauben einzureden, dass am Ende der Veranstaltung irgendwie, wie auch immer, alles gut gehen könne, konnte nicht gut gehen. Die Blase aus Autosuggestion, über sechs Wochen aufgepumpt platzte. Was folgte, war die größtmögliche fußballerische Katastrophe. Nicht die größtdenkbare, sondern weit darüber hinaus. Die einzige Frage, die man sich nach der Hälfte der ersten Halbzeit stellte, war: Ist das noch Schockstarre oder schon Leichenstarre? Ein Mittelweg daraus war richtig. Die Brasilianer gingen wie Zombies, nein political correct wie „vermindert Lebende“ über den Platz und boten der deutschen Mannschaft soviel Platz, dass es gerade dem deutschen Mittelfeld schon peinlich schien, diesen zu nützen. Während Argentinien sich 120 Minuten lang erholen konnte, steckte das deutsche Team unendlich viel Kraft und Mühe hinein, die Demütigung für die Gastgeber nicht zu groß werden zu lassen. Was sich in Belo Horizonte ereignete, war für Brasilien das Gegenteil des Urknalls und sollte deswegen vielleicht von Professor Harald Lesch untersucht werden.

Ungerecht wäre es dennoch nur von Brasilien zu sprechen. Die deutsche Nationalmannschaft machte unter dem alles überragenden tunesischen Führungsspieler Sami Khedira ein ziemlich gutes Spiel. Nicht so gut, wie beispielsweise die ersten 60 Minuten in der WM-Qualifikation gegen Schweden, aber dennoch offenbarte das Team, dass es, wenn es nur darf oder will, sicherlich den momentan besten Fußball aller Nationalmannschaften spielen kann. Umso mehr muss man sich im Nachhinein eigentlich über die drei Spiele zuvor ärgern. Die Taktik einem Tor einfach das eine oder andere folgen zu lassen, anstatt ewiglang(weilig)e Minuten, nur zu versuchen ein Gegentor zu verhindern, ist sicherlich erfolgversprechender und was dabei manchmal herauskommt, ist ein schönes Fußballspiel.

Gegen Argentinien wird es natürlich ungleich schwieriger, da die Gauchos nicht nur Glauben und Härte entgegenzusetzen haben, sondern tatsächlich ein ausgefeiltes Defensivsystem. Doch kann man sich grundsätzlich, egal in welchem Wettbewerb des Fußballs, nur einen Meister wünschen, der sich der Sportart nicht verweigert. Spiele wie gegen Portugal oder Brasilien hatte Argentinien nicht zu bieten.

Angesichts der brasilianischen Katastrophe und der Fußballverweigerung im zweiten Halbfinale erspart sich die Redaktion eine Top-Mannschaft des Halbfinals zu benennen und zu veröffentlichen. Denkt Euch die Mannschaft selbst aus, Liebe Leser! Vorschläge nehmen wir gerne entgegen.

 

Während die meisten Deutschen vor der Glotze saßen und den wichtigen Worten der Promiwelt über den selbstverständlichen WM-Titel lauschten, beendete Euer werter Bumann, neben der Arbeit an diesem Blog auch die neue Auflage der „Statistischen Enzyklopädie der Fußballbundesligaspieler“. Alle empirischen Daten über die Spieler seit 1963 sind nun auf dem neuesten Stand. Mehr dazu demnächst auf der Startseite.

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Der erste Nachruf zur WM erscheint, wenn die Leserschaft wieder nüchtern ist, also wahrscheinlich nächsten Dienstag.