Das Viertelfinale, eine gnädige Abrechnung

So sehr die WM-Spiele bislang zu loben waren, so grässlich, so langweilig, so niveaulos waren die Spiele des Viertelfinals. Gratulation an die Fifa, die gewünschten Mannschaften sind weiter. Also wie habt ihr das nur gemacht?

Vier Spiele, gekennzeichnet von dem Unwillen Fußball zu spielen, von erbärmlicher Feigheit und von vier Mannschaften im Halbfinale, von denen keine den WM-Titel verdient hat, liegen hinter uns. In sechseinhalb Stunden Viertelfinale ist es keinem der acht „besten“ Teams gelungen, sich ein Tor zu erspielen!!!!! (Ein Elfer, ein Freistoß, ein Tor nach Freistoß, eins nach einer Ecke und ein Tor vom Gegner aufgelegt) Wie unsagbar peinlich ist das denn? Nicht die besten Mannschaften, sondern allerhöchstens die am wenigsten schlechten, werden um den WM-Titel spielen. Fast hätte ich geschrieben: „werden den WM-Titel unter sich ausmachen“. Doch hat ja die Fifa auch noch etwas zu sagen.

Deutschland spielte gegen Frankreich? Einspruch: Sie traten gegen einander an, nicht so wie Brasilien und Kolumbien traten, sonst hätte man ja daraus Spannung ziehen können, nein es gab halt ein Viertelfinale zwischen Humpel und Rumpel. Eine Veranstaltung die so entsetzlich langweilig war, dass ich mit dem Ruhepuls einer halbwegs trainierten Wasserleiche in der 88. Minute aufs Klo ging. Wenn sich die Kapitäne gegenseitig aus den Telephonbüchern von Paris und Berlin vorgelesen hätten, wäre es wohl kaum weniger uninteressant gewesen. Nicht dass eines der Teams etwas anderes als das Ausscheiden aus dem Turnier verdient gehabt hätte, doch eine Aktion war am Ende doch wichtig; die Parade von Neuer gegen Benzema kurz vor Schluss hat der Weltöffentlichkeit eine Verlängerung dieses Grottenkicks erspart. Man sehnte sich jedenfalls nach der Qualität eines Saisonvorbereitungsspiels zwischen, sagen wir mal, Erzgebirge Aue und Motor Senftleben.

Eine Frage blieb dann doch offen. Was zahlen die Sponsoren eigentlich dafür, dass Spieler wie Schweinsteiger und gerade Özil auf dem Feld stehen? Ein Özil hätte man in den letzten Spielen der Deutschen schon aus medizinischer Prophylaxe auswechseln müssen, zu groß war die Gefahr, dass er sich schwer verletzt, wenn er über die eigenen runterhängenden Schultern stolpern würde. Aus meiner Hoffnung, dass man sich über den Fußball der Deutschen freuen könnte, wurde angesichts des allgemeinen dummnationalistischen „wir“ ein deutliches: „Ihr“ könnte mich alle am Arsch lecken, ich lass mir das nicht länger gefallen. Ein „wir“ unter Fußballfans setzt Fußball voraus, so bleibt schwarz-rot-goldene Besoffenheit, die durch nichts zu rechtfertigen ist und bei einer Veranstaltung im Kekswichsen wohl ähnlich gewesen wäre.

Aufregender war da tatsächlich Brasilien gegen Kolumbien.

Ein Fußballspiel war auch das nicht, sondern eine Art Ringkampf, bei dem Hände häufiger am Gegner waren als der Ball an irgendeinem Fuß. Im Gegensatz zu den anderen drei Spielen sah man in diesem Spiel den Beteiligten wenigstens ihre Motivation an, oder besser ihre Übermotivation, die auch recht ungezügelt in diesem Kick and Rush ausgelebt wurde, da der Schiedsrichter, wie sich herausgestellt hat, wohl die Anweisung der Fifa hat, bloß nicht am Anfang des Spiels darauf hinzuweisen, dass es in der Sportart ein Regelwerk gibt, das durchaus persönliche Strafen vorsieht. Der Referee sorgte dann auch dafür, dass hartgeführte Zweikämpfe auf der einen Seite grundsätzlich abgepfiffen werden, während Brasilien häufig mit einem leicht strengen Blick bestraft wurde. Einfach unfassbar, was sich die letzten Spiele ein Fernandinho erlauben durfte. Man könnte die Selecao sicherlich für ihren kämpferischen Einsatz loben, aber es ist Brasilien, es ist nicht Schottland. Wie limitiert die Spieler in Gelb sind, sah man in den letzten 20 Minuten, als sie von Kolumbien an die Wand gespielt wurden. Es ist einfach sehr schade, dass Kolumbien gescheitert ist. Sie waren die Mannschaft dieser WM, die einfach den schönsten Fußball bot, eine Mannschaft an die man sich so gerne zurückerinnern wird wie an die grandiosen Brasilianischen der 80ger Jahre. Und ähnlich wie ich heute noch die Namen der Unglücklichen rund um Zico im Gedächtnis habe, während die Weltmeisterteams 82 und 86 längst vergessen sind, so wird sich der kommende Weltmeister weit hintenanstellen müssen und gegen Namen wie James Rodriguez blass aussehen.

Brasilien hat jedenfalls im Halbfinale ein Problem. Der beste Spieler wird fehlen. Nach unzähligen Möglichkeiten zuvor sah Thiago Silva nun doch endlich die zweite gelbe Karte. Und auch Neymar wird nicht spielen können. Der Spieler „nach Art der aufgebrachten Schwuchtel“ ist bekannt dafür, nach eigenen Fouls und davon gab es sehr sehr viele, die alle nicht geahndet wurden, und nach gegnerischen Fouls, egal ob sanft oder hart, einen vierfachen Rittberginho mit dreieinhalb Schrauben zu landen, also für das Publikum sinnlos zu posen und den Schiedsrichter vor dem Wolf zu warnen. Nun hat Neymar wohl etwas zu häufig „Wolf“ gerufen, sodass ihm dann doch nicht geglaubt wurde, als ihm ein Wolf begegnete. Ihm kann man nur gute Besserung wünschen und dass er endlich etwas daraus lernen möge.

Argentinien gegen Belgien war die hässliche Mixtur aus den ersten beiden Viertelfinals. Mutlosigkeit traf auf sinnlose Geduld. Belgien bekam unendlich oft zu spüren, dass Argentinien doch die Mannschaft ist, die der Veranstalter lieber im Halbfinale hat. So etwas geschieht nicht durch große, spektakuläre Fehlentscheidungen. Die Schiedsrichter sind teilweise auf einem Niveau, dass sie es subtiler hingekommen. Bei Kleinigkeiten oder Zweifelsfällen wird immer wieder für dieselbe Mannschaft entschieden, was es dem Gegner auf Dauer anstrengend macht, all diese verlorenen Bälle zurückzuerkämpfen. Es zehrt dauerhaft an Kräften und Nerven. Insgesamt war Argentinien sicher etwas besser als zuletzt, doch eine solch langweilige Mannschaft, die bis jetzt Leistungen erbrachte, die auch für fünf Unentschieden ausgereichtet hätten, ist für ein Halbfinale auch eine Schande.

Costa Rica war im Achtelfinale das Opfer einer Schiedsrichterleistung, die es heute nur noch selten in ihrer Einseitigkeit gibt und das über 120 Minuten gegen Griechenland. Dass sie es schafften, nun gegen die Niederlande nochmals 120 Minuten einen solchen Kampf abzuliefern, verdient allerhöchsten Respekt, auch wenn es natürlich irgendwo zwischen lächerlich und unverdient gewesen wäre, wenn die Tikos das Halbfinale erreicht hätten. Wie unfassbar peinlich, wenn auch wegen der eigenen Passivität und Feigheit nicht unverdient wäre doch das Scheitern der Käsköpp im Elfmeterschießen gewesen. Hauptsache der Deich war dicht, egal wie winzig die Welle war, die zögerlich dagegen schlug. Das Zittern der holländischen Schlange vor dem lahmenden costaricanischen Kaninchen. Wenn irgendeine Mannschaft es verdient hätte, gegen die Elftal weiterzukommen, dann möchte man van Gaal dafür auslachen, wenn er versuchen sollte, das Scheitern mit der anstrengenden Verlängerung gegen die Tikos zu erklären. So etwas kann man vermeiden, ihr Trainer, indem man mit dem Willen ins Spiel geht, Fußball zu spielen und sich nach ein paar geschossenen Toren auszuruhen, wenn es denn unbedingt sein muss, aber erst dann!

Fazit: Vier Mannschaften sind noch im Turnier und dürfen noch zwei Spiele bestreiten, obwohl sie eigentlich alle so spielten, als müssten sie noch zwei Spiele bestreiten. Und auch wenn es die Mannschaften nicht verdient haben gibt es noch die am wenigsten schlechte mögliche Mannschaft des Viertelfinals:

  • Keylor Navas
  • Pablo Zabaleta
  • Mats Hummels
  • David Luiz
  • Jan Vertonghen
  • Javier Mascherano
  • Blaise Matuidi
  • Juan Cuadrado
  • James Rodriguez
  • Arjen Robben
  • Gonzalo Higuain