Ist Fußball das häufig dummdreist zitierte „Opium fürs Volk“? Im Sinne des Zitats von Marx und aus jedem Zusammenhang betrachtet, ja! Doch wer schon Religion annimmt, um sich ruhig stellen zu lassen oder Verschwörungstheorien, gar Ernährung dem kann man auch Opium empfehlen.

Wenn man mit einem zweiten wachen Auge die Situation betrachtet, kann man feststellen, dass die sogenannten Fußballfans selten Anhänger des Fußballs sind, sondern vielmehr Teilnehmer eines Ritus ihrer eigenen Sekte. Somit ist ihnen der Fußball häufig egal, es geht ihnen um ihre Farben, ihre kultischen Handlungen, ihre Abgrenzung zu anderen Sekten. Liturgische Handlungen werden zur sinnstiftenden Funktion, was über die verschiedenen umfangreich untersuchten und veröffentlichten Rituale hinausgehen kann und im schlimmsten Fall zur Zwangshandlung im psychologischen Sinne führt. Gerade diese Gruppe sollte sich mit Kritik an Sepp Blatter, der als weltlicher Statthalter ihres Gottes über die regelmäßige Liturgie wacht, zurückhalten. Die Antiindividualisierung für das Sektenvolk wird von der obersten Spitze einer straffen Hierarchie erfolgreich betrieben.

Doch es gibt ja auch noch die tatsächlichen Fußballanhänger. Anhänger der Darbietung Fußball. Betrachter eines Schauspiels, die neugierig dem Stück folgen, die bis zur Peripetie gespannt sind, ob sich das Stück zur Komödie oder doch zur Katastrophe entwickelt. Eleos und Phobos sind nicht Teil des Ritus, vielmehr Teil der Rezeption, in der im Idealfall die Mimesis fehlt. Dem retardierenden Moment, das gerade in Playoff-Spielen herrscht, folgt ein offenes Ende, kein befohlenes Amen. Die Darstellung wird bewundert oder kritisiert, der klassische Chor, repräsentiert durch den Schiedsrichter, wird als meist böses Schicksal in die Nachbetrachtung aufgenommen und bei einer geglückten Aufführung kann es dennoch zur Katharsis kommen und dann, wenn bei anderen der Ritus vorbei ist, sagen diese Anhänger des Fußball ein individuelles Amen.

Zum Verhalten der Fifa einen kleinen Literaturtipp: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Gesellschaft_des_Spektakels

 

Im ersten der vergangenen acht Darbietungen war Phobos für das einheimische Ensemble maßgebend. Keiner der Darsteller war wirklich überzeugend, außer einmal mehr einem Spieler, dem man zurufen musste: Bravo, Bravo! Einen etwas schalen Nachgeschmack hatte die Inszenierung doch, da zum Ende hin der Zufall eine zu große Rolle spielte. Und doch ärgerten mich die fünf Zentimeter, die die Duelle zwischen verschiedenen Protagonisten und dem Antagonisten, vulgo Torhüter, erst möglich machten.

Die zweite Inszenierung überraschte durch die Souveränität mit der ein wenig erfahrenes Team mit dem bislang herausragenden Darsteller James Rodriguez die nächste Runde erreichte.

Wie auch Chile scheiterte Mexiko unter anderem daran, dass der Regisseur den besten seines Ensembles zu früh von der Bühne rief. Ein Phänomen, das bei dieser Veranstaltung schon häufig zu sehen war. Ohne dabei schlecht über die Oranier sprechen zu wollen, vermisse ich die Mexikaner für all den Verve, den sie in das Tournier brachten, nicht nur das Team sondern auch die Fans.

Und dann kam es zum größten Ärgernis dieser WM. In einer an sich stinklangweiligen Aufführung von Costa Rica und Griechenland, brachte wohl jeden, der nicht eingeschlafen war oder ein absolut fanatischer Anhänger der Griechen ist, die Leistung des Parteiischen Ben Williams zur Weißglut. Tatsächlich nenne ich es Leistung, denn quasi jeder Pfiff schien dem Schwarzbuch „Spielmanipulation“ entnommen zu sein. Ich glaube nicht, dass die griechischen Spieler davon wussten, sonst hätten sie in einigen Situation mehr daraus machen können, aber es tat gut, dass sich nach dem Spiel Mexiko gegen Kamerun zum zweiten Mal eine Mannschaft gegen den Sturm des Schicksals durchsetzte.

Frankreich gegen Nigeria war unerheblich, da sich die letzte afroamerikanische Mannschaft, wie immer durch individuelle Fehler, verabschiedete.

Und dann muss man doch einmal länger über Deutschland reden, nachdem die mutige, taktisch großartige Leistung Algeriens gelobt wurde. Unter den vielen schlechten deutschen Spielern ragte Mesut Özil hervor. Bislang war noch sehr mäßig gewesen, doch nun? Wie kann man einen Spieler mit dem Selbstbewusstsein einer Schneeflocke im Höllenfeuer nur auf dem Feld lassen. Alles aber auch wirklich alles machte Özil über 120 Minuten falsch. Selbst sein Tor war ein Ergebnis seiner Unfähigkeit über acht Meter einen präzisen Querpass zu spielen. Sämtliche anderen Fehlleistungen verblassten dagegen. Bemerkenswert bei dieser WM sind ja die großartigen Leistung teilweiser nahezu unbekannter Torhüter, unter anderem des Algeriers Rais M’Bolhi. Fast noch bemerkenswerter war die der Auftritt von Manuel Neuer. Es wurde unter anderem gemeldet, dass Neuer mehr Ballkontakte hatte als jeder algerische Feldspieler. Ziemlicher sicher dürfte es die höchste Lauf- und Sprintleistung eines Torhüters in der Geschichte gewesen sein. Ansonsten Höwedes schlecht, Schweinsteiger war überall, überall, wo er nicht hingehört, die erste Spielhälfte war wohl das schlimmste Chaos, das man von einem deutschen Team je gesehen hat. Ich schätze die Interviews mit dem immer häufiger sympathisch kauzigen Per Mertesacker. Doch wenn er den Reporter fragt, ob das Team lieber schöner spielen soll, aber dafür wieder rausfliegen, dann muss ich doch antworten: Ja!

Mehr als 240 Minuten Aufregung gab es in den letzten zwei Inszenierungen. Zweimal an einem Tag eine Verlängerung der Peripetie, zweimal das Herauszögern der Katastrophe. Zweimal Eskapismus bis der Vorhang endlich fiel, zweimal zu viel Adrenalin, zu hoher Puls bei den Zuschauern. Soll man das grandiose, epische Scheitern der Schweiz mit seinem großen alten Helden an der Seite Pech nennen? Sie spielten schöner als der Favorit, hatten weniger aber die größeren Chancen, hatten in der Schlussminute noch die Möglichkeit abermals enttäuschende Argentinier in den Urlaub zu schicken. Nein, dieses Spiel ließ wohl niemanden neutral zurück.

Und dann Belgien gegen die USA. Wie dröge konnte man sich das Geschehen vorstellen und wie sehr wurde die Prophezeiung erfüllt, bis sich der belgische Trainer, dem Orakel der Pythia entgegenwarf und in der Pause etwas schnellere Pässe beim Angriff verlangte und bekam. Was herauskam waren weitere 75 Minuten Spektakel. Tim Howard gegen eine Mannschaft, die endlich zeigte und auch zeigen musste, warum sie zu den (Geheim)Favoriten gehörte. Ein Spiel, das vielleicht das Imposanteste war, was ein Achtelfinal jemals gesehen hat. Und am Ende kam es doch nochmal zu Spannung als der deutsche Viertligaspieler Julian Green für den Anschluss sorgte. GANZ großes Theater jedenfalls!

Ann Coulter, eine Art Karl-Eduard von Schnitzler im Minirock des rechts-konservativen Amerikas, zeigte vor dem Spiel bereits, was sie vom Erfolg des Teams USA hält. Eine übliche Abrechnung der aussterbenden WASPs gegenüber der dummen, katholischen, schwulen, farbigen, weiblichen Mehrheit in der USA. “Any growing interest in soccer can only be a sign of the nation’s moral decay.”, ist nur ein Satz, den die verbohrte Blondine meinte, veröffentlichen zu müssen. Fast hätte man deswegen dem US-Team mehr Triumphe gegönnt. Mehr dazu unter:

 

http://www.news.com.au/sport/football/world-cup-2014-conservative-american-columnist-ann-coulter-tears-into-soccer/story-fnkjl6g2-1226972881319

Eine gute Mannschaft kann man aus dem Achtelfinale auch zusammenstellen:

  • Claudio Bravo
  • Francisco Silva
  • Thiago Silva
  • Sokratis Papasthatopoulos
  • Pablo Armero
  • Hector Herrera
  • Yohan Cabaye
  • Juan Cuadrado
  • James Rodriguez
  • Romelu Lukaku
  • Alexis Sanchez