Gruppe F
Argentinien, Bosnien-Herzegowina, Iran, Nigeria

Kommen wir endlich mal wieder zu einem Favoriten, natürlich nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass Brasilien mal einen Schiedsrichter bekommt, der so schlecht ist, dass er sich nicht mal an die Vorgaben der Fifa halten kann.

Argentinien

Wir wissen alle nicht, wie fit Lionel Messi ist. Ob halbwegs fit, oder ganz fit, macht in diesem Falle den Unterschied zwischen einem Favoriten und einem Topfavoriten aus, da der potentielle Topstar dieser WM inzwischen nicht nur für Barcelona glänzt sondern auch für Brasilien. Man muss es sich mal vergegenwärtigen. 28 Tore in der Liga und 8 in der Championsleague sind Zahlen einer schwachen Saison des Wirbelflohs. Es wurde sich in Spanien auch schon die Frage gestellt, ob sich Messi für die WM schont. Na dieses Problem muss mal erstmal haben.
Messi, der gegen all die Mythen keineswegs weniger egoistisch spielt als sein Antagonist Christiano Ronaldo und der genauso beleidigt ist, wenn er nicht der bestverdienende Spieler der Welt ist, wurde von Trainer Sabella inzwischen ein passendes Spielkonzept für die Nationalmannschaft geschenkt. Es lautet in etwa: Wenn der Kleine den Ball will, dann gebt ihm den Ball. Da die anderen Spieler inzwischen eingesehen haben, dass Messi auf diese Art den Erfolg der Mannschaft am besten garantieren kann, beugen sie sich dieser neuen Taktik und es scheint zu funktionieren.
Aber Argentinien ist eben nicht nur Messi. Die Spieler rund um Messi sind eine durchaus gut funktionierende Einheit und zwar eine Einheit aus Spielern von denen viele auch das Potential haben, der Star der WM zu werden. Es ist schon ein gewaltiger Unterschied, ob man einen Trainer auf der Bank sitzen hat, der links und rechts gefahrlos unterscheiden kann, oder eine Ikone, die außer sein Ruhm absolut nichts dazu befähigt hat, eine Mannschaft durch eine WM zu führen. Lo siento Diego, aber ich werde mich dennoch freuen, dich auf der Tribüne Faxen machen zu sehen.

Bosnien und Herzegowina
Klasse! Bosniaken und Herzegowiner, Ihr habt es doch noch vor kurzem wirklich geschafft der Fifa in Sachen Korruption Paroli zu bieten. So sehr, dass Ihr doch schon mal suspendiert wurdet. Das haben nur wenige geschafft und von WM-Teilnehmern bislang nur Kamerun. Leider kostete das eine talentierte Generation rund um Brazzo Salihamidzic eine mögliche WM-Teilnahme. Doch führte es auch zur Organisation „Spasimo BIH fudbal“ und damit zu einer Reinigung des Fußballs. Nicht mehr Volkszugehörigkeit bestimmt seitdem über die Aufstellung und Ansetzung von Länderspielen, nein es ist seit 2010 der Trainer Safet Susic. Natürlich gibt es noch keine Normalität, doch neben dem großen Ivica Osim könnte ein erfolgreiches Abschneiden der lustigen Bosniaken für die richtigen Schritte in Richtung Normalität sorgen.
Das Team hat in Gruppe F auch durchaus die Chance auf ein Weiterkommen. Sogar Torhüter Asmir Begovic ist inzwischen torgefährlich. Die Offensive ist sicherlich der Trumpf der Mannschaft. Angetrieben von dem Halbluxemburger Pjanic ist sie im Stande jeder Mannschaft gefährlich zu werden. Da kann die Abwehr leider nicht mithalten. Man kann nur hoffen, dass sie nicht überziehen. Die Tradition aus Frust mit den Ellbogen zu agieren unterscheidet sie nicht von Serben oder Kroaten. Ich hätte jedenfalls jetzt plötzlich Lust auf eine Bosna. Wenn jemand weiß, wo man in Las Vegas oder in München eine wirklich gute bekommt, bitte gebt Nachricht!

Iran

Die Jubelperser erkennt man wenigstens. Sie sehen fast alle so aus wie Conchita Wurst mit kürzeren Haaren aber mehr Schminke. So findet sich in ihren Reihen natürlich auch mindestens ein ernsthafter Kandidat für den „Philosoph des Turniers“, nämlich der berliner Philosoph Ashkan Dejagah. Der ist nur ein Beispiel dafür, wie der iranische Fußballverband sich inzwischen, ähnlich wie der Türkische Verband um die Diaspora, um Auslandsperser bemüht. Für diese WM ist es zu spät, aber falls beispielsweise ein Leser Lust hat, in vier Jahren an einer WM teilzunehmen, dann sollte er mal ein bisserl trainieren und die Familie befragen, ob nicht wenigstens einmal ein Perserteppich im Wohnzimmer lag.
So sehr es scheint, als würde die iranische Zivilgesellschaft endlich Fortschritte machen, so sehr stagniert die Fußballnationalmannschaft der Perser in den letzten Jahren. Die Zeiten von Ali Daei oder Bagheri sind vorbei und dennoch ist das Team überaltert. Die wenigen Spieler, die ihre Klasse schon nachgewiesen haben, sind jenseits der Dreißig und ein Jungstar ist nicht in Sicht. Früher war zumindest die Technik der Multikultitruppe ein Genuss, doch fehlte die Dynamik. Heute fehlt es an allen Ecken und Enden, sodass die Qualifikation zur WM an sich schon ein großer Erfolg ist, dem wohl kaum mehr etwas folgen wird.

Nigeria
Jeder moant er is a Star
Und sauft an Schampus an der Bar,
in der Niggeria….

Doch, wo sind eigentlich die Stars? Was ist an den Eagles noch Super? Dass die Mannschaft aktueller Akrikacupsieger ist, ist vordringlich der aktuellen Schwäche des afrikanischen Fußballs geschuldet. Mit einer extrem jungen Mannschaft, auf die angeblichen Stars verzichtend, gelang es dem einheimischen afroamerikanischen Trainer Stephen Keshi durch mannschaftliche Geschlossenheit erfolgreich zu sein. Ob das, nun ergänzt durch Spieler, die in Europa schon ihre Duftmarken gesetzt haben, nun eine Ebene höher bei einer WM gelingt, ist äußerst zweifelhaft. Gerade drei, vielleicht vier Spielern würde ich zutrauen, sich in der Bundesliga nachhaltig durchzusetzen.
Der mutige und intelligente Keshi kann sich zumindest darauf verlassen, dass er den besten Torhüter Afrikas im Tor stehen hat. Enyeama kann nicht alleine Spiele gewinnen, aber doch zu Null halten. Wenn er in Brasilien gute Tage hat, dann könnte Nigeria doch glatt das Achtelfinale erreichen. Im Gegensatz zu früher kann Initiative im Angriff nicht automatisch für Panik unter den gegnerischen Abwehrspielern sorgen. Was gab es da früher für geile Spieler! Wie sehr herrscht heute das Prinzip Hoffnung.
Wie überall im Land, im Übrigen. Nigeria ist eines der Länder, in der die Lage stets hoffnungslos aber ernst ist. Auch die Versuche zur Demokratie zurückzukehren scheinen keine Besserung hervorzubringen. Der Präsident heißt Goodluck. Welch unglaublicher Euphemismus! Nigeria ist unter ihm auf dem Weg zum strengsten Strafrecht gegen Homosexuelle. Da verblassen Saudi-Arabien oder Gruppengegner Iran dagegen.
Man kann dem Land eigentlich nur wünschen, dass ein erfolgreiches Abschneiden, zu einem Gemeinschaftsgefühl führt, das ausnahmsweise nicht durch Tragödien verursacht wird, doch Keshi hat dasselbe Problem wie der viel zu große Staat. Es muss zunächst eine gemeinsame Sprache gefunden werden. Und diese sollte vielleicht besseres Englisch sein, als die E-Mails, die wohl jeder schon einmal aus Nigeria bekommen hat.