Gruppe B (Todesgruppe)
Spanien, Niederlande, Chile, Australien

Bei jeder WM oder EM scheint es eine Gruppe geben zu müssen, in der das Scheitern eines Favoriten vorgegeben zu sein scheint. Häufig genug enttäuschte dabei eine dieser Mannschaften so sehr, dass sich im Nachhinein der Ausdruck Todesgruppe als nichts mehr denn schamlose Übertreibung herausstellte.
Wie einige andere Gruppen beginnt auch die Gruppe B direkt mit dem Spiel der Favoriten gegeneinander. Hier ist es allerdings das letzte WM-Endspiel, das den Auftakt bildet. Ohne die Zeichen 6-E-Q-U-J-5 braucht man kein „Big Ear“ um zu einem „Wow!“ zu kommen.

Spanien

Spanien ist Europameister, ist Weltmeister, ist Europameister, Mannschaften aus Spanien sind Championsleaguesieger und Euroleaguesieger. (Ein kleines Wow, bitte!)
Spanien spielt nach wie vor einen Fußball, der Dominanz verströmt. Xavi, Iniesta und andere spielen immer noch die ganz feine Klinge, doch langt der Degen noch, um den gegnerischen Stier zu erledigen? Wenn man gerade Xavi und Iniesta in dieser Saison betrachtet hat, wohl kaum. Ungestört wird das spanische Mittelfeld den Paso Doble nicht tanzen können, wenn nicht durch jüngere Spieler etwas Schwung und Physis ins Spiel gebracht wird.
Doch während die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien auch unter gut ausgebildeten Leuten extrem hoch ist, so können junge spanische Fußballer auf Grund ihrer guten Ausbildung noch überall gutbezahlte Stellen bekommen. Niemals spielten derartig viele Spanier im Ausland, nie hatte die Seleccion auf wirklich allen Positionen so viel Auswahl. Bei den Titelgewinnen der letzten Jahre waren die Außenverteidigerpositionen immer ein Problem, doch nun kann sich Del Bosque sogar leisten einige Weltklassespieler wie Carvajal daheim zu lassen. Spieler mit außergewöhnlich guter Physis sind nun die neuen Führungsspieler, da sie in den großen Spielen ihre Wichtigkeit eindrucksvoll bewiesen haben. Doch wird auch auf beispielsweise Javi Martinez neben Sergio Ramos gesetzt? Die Diskussion wird in Spanien genau so heiß betrieben, wie die Diskussion um den Thronwechsel. Alt oder jung? Wenn man sich den Kader ansieht, so geht der Trend noch in Richtung Tradition, doch ist es unzweifelhaft der beste Kader aller 32 Mannschaften und selbst aus den Spielern, die nicht nominiert wurden, ließe sich ohne zu viel Phantasie eine Mannschaft bilden, die ein WM-Favorit wäre.
Natürlich kann eine Mannschaft, die schon den Europameisterschaftstitel verteidigte, nicht auch noch dem WM-Titel verteidigen. Das wäre eine Verhöhnung des Rests der Fußballwelt und wird sicher von den Offiziellen verhindert, da es ja auch geschäftsschädigend wäre. Jedoch ist Spanien, je mehr auf die Stärke jüngerer Spieler gesetzt wird, ein Favorit, auch wenn es am Ende einen Thronwechsel geben wird.

Niederlande

Zu den Käsköppen gibt es eine gute Nachricht. Sie glauben nach der souveränen WM-Qualifikation, sie könnten wirklich gut fußballspielen. Das ist traditionell der Grund für das Scheitern bei dem folgenden Turnier. Im Gegensatz zu den Spaniern setzt Bondscoach Aloysius Paulus Maria van Gaal konsequent auf jüngere Spieler. Nur eine typische Verhaltensweise des Feierbiests, der nach anfänglichen Erfolgen immer glaubt, er sei der Einzige, der den Käse zum Bahnhof rollen könne. Doch können die Jongens, die gegen krisengeschüttelte Rumänen, Türken oder Ungarn souverän waren, auch gegen Männer erfolgreich sein? Einige sind in Brasilien zumindest fast wie daheim. Nach Surinam ist es nur ein Katzensprung.
Aber was ist los im sanyassinfarbenen Königreich unter dem Meeresspiegel? Ich habe etwas gesehen, was überraschender ist als Italiener, die schönen Offensivfußball spielen, sensationeller als Engländer, die Fairplay walten lassen, ja eine wahre orangene Revolution: Eine Elftal die nicht im klassischen 4-3-3 spielt, die ihr System wechselt. Ein käsiger, calvinistischer, ewigwährender Vorhang ist gefallen, überraschender als würde Nordkorea sein politisches System aufgeben. Kein Wunder, dass der Trainer jetzt schon das Weite sucht. Trotzdestonichts oder gerade deswegen ist das Abschneiden dieses traditionellen Mitfavoriten so offen wie ein calvinistischer Haushalt. Ach würden sie nur Kufen statt Stollen tragen, so wäre ich mir sicher, dass die Wintersportnation auch in Brasilien erfolgreich ist. Gilt der brasilianische Winter? Ich denke nicht. Aaaaber es steht der beste Offensivspieler des vergangenen halben Jahres im Kader, ein möglicher WM-Superstar, ein Spieler der in jeder durchtrainierten Faser momentan den absoluten Leistungs- und Erfolgswillen ausstrahlt, ein Spieler der gegen jede Mannschaft der Welt den Unterschied zum Guten ausmachen kann: Arjen Robben!

Chile

Fies, hart, schnell, quirlig und sogar relativ fair, wenn es gelingt in der richtigen Zehntelsekunde in einen Zweikampf zu kommen, der geführt wird als wäre es der letzte. Das ist Chile!
Und das macht Chile zu einem gefährlichen Gegner, einen Kontrahenten, den alle fürchten sollten. Spiele gegen Chile sind schmerzhaft, sind anstrengend und niemand, der bei gesundem Verstand ist, möchte gegen Chile spielen. Vielleicht sind es die Erdbeben des albern langen, wurmförmigen Landes, die die Spieler dazu bringen so standfest zu sein, wenn sie es nur wollen. Möglicherweise sind die Geschichte und Überwindung der Diktatur Gründe für die Zähigkeit, die nahezu an Alpacas erinnert. Im Gegensatz zu anderen südamerikanischen Ländern ist es nicht der ewige Kampf um den sozialen Aufstieg der Grund für die Mentalität auf dem Feld. Chile ist wohlhabend, seitdem das Land nicht nur (Vogel-) Scheiße exportiert. Wohlhabend genug für Philosophie. Arturo Vidal, der sich stark für die 35-Stunden-Woche (beim Friseur und beim Tätowierer) einsetzt, ist nicht nur einer Favoriten zur Wahl des größten Philosophen des Turniers, erst recht nach der Absage von Marco Reus, sondern könnte zu einem der Stars werden. Der drollige Unsympath kann nicht nur gelbe Karten sammeln, sondern, seiner Torgefährlichkeit bedingt, das Spiel Chiles auch in der Offensive zu einer ernsthaften Gefahr für die Spanier und die Niederländer werden lassen. Traumfußball kann man nicht erwarten, Spiele am Anschlag schon und so hat der Stil Chiles durchaus seine Existenzberechtigung und zwar mindestens im Achtelfinale.

Australien
Die Beutelkicker aus Down Under sind in der Gruppe B sicherlich falsch aufgehoben. Zu spät wurde die Mannschaft verjüngt, zu früh kommt die WM, um einer neuen Generation von Spielern die Chance zu geben zu glänzen. Mit diesen Gegnern darf man den Neuasiaten, den Neogelbärschen alles zutrauen, nur nicht einen Punkt zu erzielen. Der Kader besteht dann auch vorwiegend aus Spielern der Kategorien Kennichnoch und Kennichnochnicht. Nicht ganz so viele Spieler wie vor 15 Jahren sind Tschuschen, aber es sind wieder mehr als zuletzt und das ist wahrlich kein gutes Zeichen, da die Balkanesen inzwischen auch versuchen, die besten Spieler für ihre Teams zu gewinnen. Der Australier Josip Simunic ist wohl das bekannteste Beispiel dafür. Nicht nur, dass er über hundert Länderspiele absolviert hat, seinen Namen mit Akzentzeichen renaturiert hat, nein er nimmt für Kroatien nicht an der WM teil, weil er wegen des faschistischen Grußes „Za Dom – Spremni“ gesperrt ist. Dass diese Auslassung in der Vorschau über Australien steht, beweist nur, wie falsch diese Schlitzis in Gruppe B aufgehoben sind. Dennoch wünsche ich Asiens südlichsten Kickern viele positive Überraschungen.