Wenn man die Essenz dieser WM sucht, so findet man diese auf halbem Weg zwischen dem Triumph und der größten Enttäuschung. Doch auch ein Mittelpunkt hat Schattierungen.

Und so ist der größte Gewinner dieser Weltmeisterschaft: Adidas!

Die deutsche Flagge besteht ja fast nur noch aus drei Streifen und findet ihre freiwilligen Werbeträger überall in einem enormen „wir“. Aber das Problem in deutschen Landen mit den Personalpronomen ist ja kein neues. „Ich“ wird immer mehr zu „isch“, so dass man sich fast schon nach der weisen Selbstsicht eines Lothar Matthäus zurücksehnt. „Ein Lothar Matthäus hätte ….“

Nun ein paar Tage nach dem Endspiel zählt leider immer noch ein immer schaler und unerträgliches „wir“. Ein Wort, dass schon widerlich anbiedernd wirkt, wenn man Sätze denkt wie

„Haben wir vielleicht Hunger?“ oder „Haben wir wieder in die Hosen gemacht?“

Genauso widerlich wird es nun benützt. „Wir“ (und nicht „ihr“) sind Weltmeister. „Wir“ haben einen tollen Fußball gespielt. „Wir“ sind eine junge sympathische Mannschaft. „Wir“ haben das weltbesteste System zur Jugendförderung. Und so kann man selbst unter den „Wir“-stimmen, die schon wieder nüchtern sind, ein grässliches, abstoßendes „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ mithören. Warum musste der Empfang auch ausgerechnet in der Reichshauptstadt stattfinden.

Doch hat irgendjemand von den buntlackierten „Wir“rköpfen, außer natürlich Adidas wirklich etwas von dieser WM? Wird irgendjemand deswegen ein besseres Leben haben? Meine wir(ren) Gefühle endeten spätestens, nach dem mir von der jetzt bejubelten Mannschaft im Viertelfinale zwei Stunden meines Lebens gestohlen wurden. Auch wenn die Argentinier im Finale mit Abstand ihr bestes Spiel bei der WM abgeliefert haben, ist die deutsche Mannschaft verdient Weltmeister. Doch ich möchte um etwas Vorsicht bitten. Die Mannschaft hat das faire Verlieren gelernt, deswegen hat sie nun gewonnen. Faires Gewinnen ist wichtig, um erfolgreich zu bleiben. Siehe die Niederlande, die dieses Mal allerdings geläutert schienen und deswegen in Zukunft auch mal ein echter Favorit sein können. Momentan ist der Eindruck von guten Gewinnern etwas verloren gegangen.

Doch wenn man von den vielen wir(ren) Fans absieht, die diese tolle Mannschaft so eigentlich nicht verdient, muss man Löw und seinen Spielern eine gute WM konstatieren. Auch Vereinsmannschaften schaffen es mit viel längerer Vorbereitung nur selten, in so kurzer Zeit sieben überzeugende Spiele am Stück abzuliefern. Die deutsche Mannschaft hat jedenfalls mehr Überzeugendes geleistet als andere Teams. Es war neben Kolumbien die einzige Mannschaft, die sich grundsätzlich zu Offensivfußball bekannt hat. Seltsam nur die Unausgeglichenheit. Fast jeder Spieler zeigte während der WM ein wirklich großes Spiel, fast alle jedoch zeigten auch unerklärliche Leistungen. Nur zwei Spieler waren konstant. Manuel Neuer, der vor allem mental ein Riesenrückhalt war und so der Abwehr ein enormes Selbstbewusstsein gab und Mesut Özil, der konstant weit unter seinem ohnehin gnadenlos überschätzten Niveau blieb. Wunder über Wunder, so hat nicht einmal der riesige Haufen Wetter in Brasilien das Fußballspielen gestört und zwar nicht mal als es zum epochalen Spiel gegen den Gastgeber kam.

Das spektakulärste Match, eine Partie, die es so noch nie gab und die wohl zumindest in dem Leben der Zuschauer keine Wiederholung finden wird. Ein Spiel zwischen einer Mannschaft, der unter Anleitung des Boulevards das Schlechteste zugetraut wurde, die sich aber immer ihren Stärken bewusst war und der Selecao, die als Brasilien und Brasiliens Fußball am Boden lag, nur eines, nämlich der Titel zugetraut wurde, die sich in ewiger Autosuggestion einredete, der Gewinn des Weltmeisterschaft sei von der Vorsehung bestimmt und so könne alles nur im Guten enden.

Es ist aber auch so eine Sache mit der Vorsehung oder dem Glauben. Mit dem Glauben alleine haben auch unheilbar Kranke niemals den Tod besiegt, sondern höchstens herausgezögert, bis das Ende umso schneller kam. Die konzentriere Leistung des Gegners brachte Zweifel in das Bewusstsein der Brasilianer, Zweifel, die sogleich berechtigt, zuvor erfolgreich verdrängt wurden, aber nach dem Ausfall des Führungsspielers und ihres ernannten Wunderheilers alles lähmten, als sie aus dem Unterbewusstsein krochen. Ein Land, das sich ohnehin auch mit dem Fahnenspruch einredet, es sei das schönste, das tollste und das überallerbesteste zerbrach angesichts der Realität.

“Caos e retrocesso” bleibt übrig, sobald die Sponsoren ihren Profit abgezogen haben. Die Blase aus kurzfristigem Aufschwung und Fröhlichkeit zerplatzt und kann auch durch die Folgeveranstaltung Olympia nicht wieder aufgeblasen werden. Die Brasilianer sehen, dass gerade mal 30% der, für die WM geplanten, Infrastruktur fertiggestellt wurde. Die Brasilianer sehen, dass die Preise trotz steigender Arbeitslosigkeit wohl kaum auf das Niveau vor der WM sinken werden. Die Brasilianer sehen, dass sie einen Preis zu zahlen haben und zwar etwas früher, als sie es herbeigebetet hatten.

Und? Wird sich etwas ändern? Brasilien ist im Wahlkampf, doch Änderungen? Man hätte den Brasilianern nicht das Stimmrecht gegeben, wenn die Gefahr gegeben wäre, dass sich etwas ändern würde. Da kann man sich jetzt schon auf die nächsten Weltmeisterschaften freuen. In Russland und Katar schert man sich sowieso nicht um Rechtsstaatlichkeit. Es sind eigentlich viel bessere Orte für eine solche Veranstaltung. Katar hat ja nicht mal ein Volk, dass den Preis einer WM zahlen müsste.

Nun da sich bei den Meisten der Bio- und Bierrhythmus langsam normalisiert, kann man schon Stimmen hören, dass man ja in vier oder acht Jahren vielleicht doch keine Lust mehr hat….. doch glaubt mir und Herrn Ringsgwandl:

Weil mir, mir ist des alles wurscht,

Ich trink´a Halbe auf mein Durscht,

weil ändern duat sie sowieso nix,

Prost, mei Freund, was soll´s.

 

Freut euch also auf einige weitere Dekaden, in denen der schöne Sport Fußball vom Blofeld-Seppi gelenkt wird. Saufts nur euer Bud und eure Coke, zahlts mit der gewünschten Kreditkarte eure Trikots vom Dassler-Adolf, aber bitte beschwerts euch nicht, solange ihr nicht bereit seid, erwünschte Änderungen bei euch selbst zu beginnen.