Eine Saison, die alles zu bieten hatte, was im Fußball nervt, was niemand sehen will, muss auch Anlass sein, über ein Thema zu reden, bei dem meistens aufopferungsvoll weggesehen wird: Doping.
Es mag Zufall sein, dass in diesem Jahr auch der Fußball von dem Skandal um den einstigen Freiburger Sportmediziner Klümper heimgesucht wurde.
Es mag Zufall sein, dass der bekannteste Vereinsarzt im deutschen Fußball zur selben Zeit zurückgetreten ist.

Es mag Zufall sein, dass im Championsleaguefinale Juventus Turin gegen Barcelona spielte. Juventus Turin, dessen Vereinarzt Agricola einst wegen Dopings und Sportbetrug verurteilt wurde. (Juventus selber wurde nie verurteilt, da das zuständige Dopinglabor, aus welchen Gründen auch immer die Proben von Juve erst gar nicht untersuchte) Barcelona, die ein kleinwüchsiges argentinisches Kind einst mit Wachstumshormonen behandeln ließen und die der heißeste Kandidat im spanischen Fußball sind, zum spanischen Dopingarzt Fuentes Kontakt gehabt zu haben. (Die Beziehungen von spanischen Fußballern zu Fuentes wurden aus welchen Gründen auch niemals untersucht)
Grundsätzlich ist festzustellen, dass die reflexartigen Aussagen, Doping würde im Fußball nichts bringen, naiver bis leichtfertiger Unsinn sind. Die Frage kann also nicht sein, ob es Doping im Fußball gibt. Die Frage ist eher, wann ein aktueller Skandal aufgedeckt wird. Eine weitere Frage ist, wann die Verabreichung von Dopingmitteln sinnvoll sein kann und natürlich besonders, ob diese nicht gerade in der Rehabilitation von Verletzungen sogar erlaubt sein sollte. Viele Medikamente, die ein normaler Patient in der Reha verabreicht bekommt, sind durch die Dopingliste im Spitzensport verboten.
Zunächst müssen einige Scheuklappen entfernt werden. Nicht nur im bösen Ostblock und der bösen, bösen DDR wurde im Sport gedopt. Der deutsche Leichtathletikverband tut sich nicht zufällig schwer, Dopingrekorde aus den Listen zu streichen. Wenn man sich die Bestenlisten ansieht, so sind auch viele der bundesdeutschen Bestleistungen im Zeitalter des anabolen Dopings aufgestellt worden. Die Werfergruppe um Christian Gehrmann war besonders berüchtigt und es kam auch bei anderen, wie beim Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel, immer wieder zu Kontakten mit Achim Klümper in Freiburg. Guru genannt, war der wohl eher ein Fakir, ein Zauberer der Sportmedizin, dessen Tricks erst heute Gegenstand von ernsthaften Untersuchungen sind. Bislang durchschaut noch niemand genau das System aus Kassenbetrug, Steuerhinterziehung und Doping, das entscheidend von Pharmaindustrie und auch Sportartikelfirmen finanziert wurde. In diesem Spinnennetz haben sich nun auch der VfB Stuttgart und der SC Freiburg verfangen, doch in der selben Zeit vor allem Anfang der 80er Jahre haben auch etliche Nationalspieler Kontakte zu Klümper gehabt. Die moralische Verurteilung Toni Schumachers, weil er in seinem Buch „Anpfiff“ die Existenz von Doping im deutschen Fußball ansprach, erscheint heute als nichts anderes als die weltanschauliche Aufforderung, das Problem in Westdeutschland zu übersehen. Es wäre Unfug Dopingsysteme in Ost und West zu vergleichen. Der Historikerstreit ab 1986 war schon dämlich genug. Es ist aber nötig den berühmten rosa Elephanten sichtbar zu machen. Nicht alles, was man nicht sehen will, gibt es nicht. Merkt euch das mal, Impfgegner!
Heute laufen die Spieler fast doppelt so viel wie in den 80ern, die Sprintwerte haben sich mehr als verdoppelt. Von der bewussteren Lebensweise der Profis und der besseren medizinischen Versorgung mal abgesehen, sollte man niemals die Augen verschließen, wenn es um das Thema Doping geht, gerade da sich das Geschäft Fußball noch viel rasanter entwickelt hat als die seine Spieler.
Eine französische Studie hat just in diesem Jahr aufgezeigt, welch enorme Auswirkungen Mikrodoping, das zumindest bislang absolut nicht nachweisbar ist, hat. In den 29 Tagen des Experiments, steigerte ein Proband seine Laufzeit über 24 Kilometer um zehn Minuten und das mit geringen Mengen von Blut- und Hormondoping, die auch in seinem Blutprofil im Athletenpass nicht nachweisbar waren. Gerade die verbesserte Regeneration macht Doping in jedem Leistungssport zu einer Versuchung, warum also nicht im Fußball?
Auch die UEFA erstellte eine aufsehenerregende Studie. Über Jahre hinweg waren die Spieler der Bundesliga, häufiger und länger verletzt als in den anderen bedeutenden Ligen Europas. Das liegt sicher nicht allein daran, dass deutsche Sportmediziner in den letzten Jahrzehnten Verletzungen entdeckt haben über die Spieler der 70er Jahre heute nur lachen und für die es womöglich noch keine Übersetzung gibt. Die Schambeinentzündung ist nur ein Beispiel dafür. Man könnte nun vermuten, dass entweder in Deutschland oder beispielsweise in Engalnd oder Spanien unterschiedlich gedopt wird oder auch nicht. Doch das wäre sicherlich auch nur oberflächlich vorverurteilend. Fakt ist, dass in Deutschland für die medizinische Versorgung der Profis weit weniger Geld aufgewendet wird und die Belastungsdiagnostik und Verletzungsvor- und nachsorge eine viel geringere Rolle spielt. Das mag auch ein Grund für den spektakulären Rücktritt des ewigen Bayern-Docs Müller-Wohlfarth gewesen sein. Der nicht eben uneitle Ewigjunggebliebene ist, spätenstens als das Verletzungspech der Bayern im März akut wurde, im Duell der Egos an dem ebenfalls nicht uneitlen Trainer Guardiola gescheitert. Ein Vorgang bei dem alle Beteiligten verloren haben. Einerseits zeigte der Fall Thiago, wie risikoreich der laxe Umgang mit Cortison in Spanien ist. Andererseits ist die Verweigerung des Docs eine ständige Vertretung auf dem Trainingsgelände zu errichten ein Anachronismus.
Deutlich muss die Verwendung von Schmerzmitteln im Profifußball untersucht werden und wahrscheinlich müssen neue Regeln aufgestellt werden. Sind es noch höherdosierte Schmerzmittel, die Spieler in bespielsweise England schneller spielfähig machen? Oder werden Analgetika in Deutschland schon so exzessiv verwendet, dass Verletzungen zunächst übersehen werden und sich möglicherweise verschlimmern. Kurz nach dem Abschied von Müller-Wohlfarth spielte Holger Badstuber gegen Porto 90 Minuten durch und erst am nächsten Tag wurde ein Oberschenkelmuskelriss festgestellt. Äußerst merkwürdig, genau wie einige Verletzungen in der Saison 2014/15, nicht nur bei den Bayern und auch nicht nur in der Fußballbundesliga.
Natürlich ist das Thema ein extrem kompliziertes. Kein Betrachter kann von außen in den hochkomplexen Körper eines Höchstleistungssportlers schauen. Doch dieses Fußballjahr machte es nötig, die Aktualität des Themas zu betonen.

Schaltet die Tage wieder ein, wenn gezeigt wird, dass die Saison 2014/15 noch mehr zu bieten hatte!