Mit dem Blick des Künstlers mag man durch die Welt der Erscheinungen schauen können und den Fußball erkennen, wie er ursprünglich war.  Doch selbst Henry Miller hätte durch die Augen des magischen Künstlers Hieronymus Bosch (Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch) heute seine Schwierigkeiten, die Fußballwelt zu durchschauen.

Und so müssen wir uns angesichts der Ereignisse anderen Orangen widmen, den Orangen, die Francis Ford Coppolla zeigte, kurz bevor es in dem Mafia-Epos „Der Pate“ zu den großen Abrechnungen kommt, normalerweise, wenn jemand das „Gesetz des Schweigens“ gebrochen hat.  Gerade findet in New York der erste große Prozess um die Korruption innerhalb der FIFA statt und hat einen Kronzeugen gefunden. Seit der ehemalige Sportmarketingmanager Alejandro Burzaco im Gerichtssal singt, finden Orangen in Amerika reißenden Absatz. Erst letzte Woche wurde einer der Beschuldigten in Argentinien von einem Zug erfasst; die Umstände sind noch ungeklärt. Am Sonntag wurde dann der Vizepräsident des Fernsehsenders Televisia (auch er Beschuldigter) trotz einer Eskorte in Mexico City auf offener Straße erschossen. Im Gerichtsgebäude selbst bedrohte der ehemalige Verbandschef Perus den Kronzeugen mit der Halsabschneidegeste und wurde zu strengem Hausarrest ohne Kontakt verurteilt. Alle Beteiligten haben enge Kontakte zu den Präsidenten der Fußballverbände Argentiniens und Brasiliens gehabt, die ihrerseits Bosse des südamerikanischen Fußballverbands waren und im FIFA-Exekutivkomitee  saßen. Ein Böser wer da schelmisch denkt und mit dem Wort Exekutivkommitee spielt.

In Deutschland sollten wir uns nicht erst seit dem Skandal um die WM-Vergabe 2006 einbilden, alles das sei  folkloristisch korruptes Verhalten aus weit entfernten Gegenden der Welt. In Deutschland wurde durch die unterschiedlichen Herren Dassler die Korruption im Spitzensport quasi erfunden. Und die mangelnde Transparenz im deutschen Fußball ist gerade so offensichtlich wie nie zuvor. Aus Bequemlichkeit beschränkt sich öffentliche Wahrnehmung momentan nur auf den Videoentscheid, doch die Organisation des Schiedsrichterwesens ist die eigentliche Grundlage dieses Phänomens.

Aber fangen wir etwas weiter unten an. Wer auch mal abseits des Profifußballs, beispielsweise die durchaus attraktive Regionalliga besucht, der erlebt Dinge, die in der überperfektionierten Welt der DFL kaum möglich sind. Man sieht beispielsweise plötzlich einen Ex-Kollegen und wundert sich, dass man dessen Affinität zum Fußball nie ahnte, ist überrascht diesen plötzlich im gelben Schiedsrichterdress zu sehen. Dieser Schiedsrichter ist noch jung, Mitglied eines Klubs in Niederbayern, darf auf der Ebene des bayrischen Fußballverbandes prinzipiell jedes Spiel pfeifen und hat das Ziel weiter aufzusteigen, deswegen möchte er, ganz typisch übrigens, namentlich nicht genannt werden. Im beobachteten Spiel zeigte er eine gute, doch nicht fehlerlose Leistung und fiel, was aufgrund seines sehr zurückhaltenden Wesens erstaunlich war, dadurch auf, dass er häufig die Kommunikation mit den Spielern suchte, was in einer Situation, als die Gifthaferl der beteiligten Mannschaften im Bodenkampf aufeinanderprallten, dazu führte eine Eskalation, eine Rudelbildung zu verhindern. Die sportliche Umarmung der beiden Spieler sorgte sogar für Szenenapplaus auf der Tribüne. Die Bewertung des Schiedsrichterbeobachters fiel allerdings anders aus. Es wurde wohl recht eindringlich bemängelt, dass die Kommunikation mit den Spielern dazu geführt hätte, dass in vielen Situation das Stellungsspiel schlecht gewesen sei. Der Unparteiische selber beklagt, dass er gegenüber dem Schiedsrichterbeobachter keine Möglichkeit bekommen hätte, seine Kommunikation mit den Spielern zu begründen. Beim nächsten Schiedsrichterlehrgang, als er das Thema „Kommunikation mit den Spielern“ ansprechen wollte, sei ihm dann gesagt worden, dass die Zeit dafür wohl kaum genügen würde. Man müsse sich nach den obligatorischen Fitnesstests vielmehr mit neuen Bestimmungen und Formularen zur Organisationsabläufen des Spiels beschäftigen. Um einen möglichen Aufstieg nicht zu gefährden, beließ es M. dabei, doch beklagt weiterhin, dass „Duckmäuser“ es auf diesem Niveau leichter hätten, für höhere Augaben wie die 3.Liga berücksichtigt zu werden.

Ein anderer ehemaliger Schiedsrichter türkischer Herkunft aus dem Raum München, der es nicht bis in die Regionalliga schaffte, beschwert sich zudem über latente Xenophobie. Mal hätte er gerade wegen seiner Wurzeln Spiele pfeifen müssen, bei denen Clubs aufeinander trafen, die einen bestimmten ethnischen Hintergrund hatten, das andere Mal, sollte er aus den selben Gründen ein Spitzenspiel der Bezirksliga zwischen solchen Vereinen nicht pfeifen. Yilmaz, der sich sehr für Integration einsetzt, sagt darüberhinaus, er wäre trotz rechtzeitiger Absage eines Lehrgangs, nicht für höhere Aufgaben berufen worden, während ein Freund (Sehr bayrischer Name, leider von der Redaktion vergessen) aus dem selben Club, trotz geringerer Erfahrung und kurzfristiger Absage des selben Lehrgangs in der nächsten Saison, Spiele in höheren Klassen hätte pfeifen dürfen. Yilmaz hat sein Hobby und eine mögliche Karriere als Schiedsrichter kurze Zeit später aufgegeben.

Es scheint als würden schon im Kleinen die Strukturen wirken, die FIFA-Schiedsrichter Manuel Gräfe im Interview anprangerte. Günstlinge setzen sich durch. Nicht die ohnehin intransparente Schiedsrichterbewertung, sondern persönliche Beziehungen scheinen darüber zu bestimmen, welcher Referee im deutschen Fußball Aufstiegsmöglichkeiten hat und welcher nicht. Adressaten der Kritik waren die Chefs der deutschen Schiedsrichter Herbert Fandl und Hellmut Krug, genau diejenigen, die schon als aktive Schiedsrichter die arrogantesten Kotzkrücken waren und nun zum Chef des Probephase des Videobeweises ernannt wurden, doch inzwischen von ihren Posten entbunden wurden. Wer sich erinnert, wie Hellmut Krug früher als Experte fürs Fernsehen absolut vergleichbare Situationen von Woche zu Woche komplett unterschiedlich bewertete, der kann sich keine schlechtere Wahl vorstellen, um die Testphase des Videoentscheids zu leiten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass gerade die Schiedsrichter, die dem Videobeweis kritisch gegenüberstanden, sowohl als Feldschiedsrichter als auch als Videoschiedsrichter in Köln für die schlimmsten Entscheidungen der bisherigen Testphase sorgten, beispielsweise Felix Brych. Dagegen liefen Spiele mit deutlichen Befürwortern der technischen Hife weitgehend ohne Problem (beispielsweise die Spiele mit Deniz Aytekin) Doch nicht das Eingreifen des Videoassistenten ist das schlimmste Übel. Es sind die unterschiedlichen Auslegungen von Situationen, wie beispielsweise Handspiel, die den Diskussionen Nahrung geben. Diese unterschiedlichen Auslegungen waren aber auch früher schon immer das Problem. Wer hindert die deutschen Schiedsrichter daran, vor der Saison gemeinsam als Team beispielsweise einen Lehrfilm zu drehen, der womöglich amüsant und selbstironisch in den wichtigsten Sportsendungen zeigt, wie in der folgenden Saison die Regeln ausgelegt werden? Warum soll dann der Zuschauer im Stadion nicht über die allgegenwärtigen Anzeigensysteme sehen können, mit welchen Bildern das Schiedsrichterteam zu einer Entscheidung kommt? Warum gibt es einfach keinen Willen zu Transparenz? Davon abgesehen kann der Videoentscheid mit wenigen klitzekleinen Maßnahmen sofort verbessert werden. Im Falle eines Falles muss der Weg des Feldschiedsrichters als Allererstes zu den Monitoren führen. Die Arroganz, diese zu missachten, führte bei Felix Brych zu den absolut unverständlichen Fehlentscheidungen beim Spiel Mainz gegen die Kölner. Dazu sollte der Videoassistent vielleicht nicht unbedingt in Köln sitzen (warum auch?) sondern vor Ort sein. Ersthelfer sollte grundsätzlich der sogenannte „vierte Offizielle“ sein, der ansonsten ja nur dafür bezahlt wird, die Trainer albern zu bevormunden und ein paar Mal pro Spiel eine Tafel hochzuhalten. Der neue Chef der Schiedsrichter und des Videobeweises Lutz-Michael Fröhlich sollte nicht den fast schon fachfremden und populistischen Forderungen des DfB-Präsidenten folgen, sondern sollte schleunigst eine einheitliche Umsetzung in die Wege leiten. Dabei dürfen auf Namen, die es unergründlich auf die FIFA-Liste geschafft haben keine Rücksicht genommen werden. Es darf nicht sein, dass man den Blick eines außergewöhnlichen Künstlers braucht, um hinter die Entscheidungen des Schiedsrichterwesens blicken zu können. Durchschaubarkeit ist auf allen Ebenen das Gebot, sonst gibt es bald auch hier Orangen und zwar nicht die von Hieronymus Bosch, sondern die eines Francis Ford Coppolla.