Angekündigt war ja, dass es im letzten Teil der Saisonvorschau um das womöglich krisenhafte Geschehen auf dem Rasen geht. Doch zunächst ist ein kleiner Nachtrag zur Überkommerzialisierung nötig. Es wurde an dieser Stelle in grenzenloser Naivität eine einheitliche Seitenwahlmünze eines Sponsors vorgeschlagen. Die Realität hat diesen Versuch einer ironischen Übertreibung aber schon überholt. Bei der Reihe von Vorbereitungsspielen, die gerade anfänglich von den „zweiten Mannschaften“ bestritten wurden, genannt „International Champions Cups“, durften die Zuschauer im Stadion nicht nur happige Eintrittspreise löhnen, sondern durften Zeuge werden, wie die Seitenwahl durch einen Kreditkartenwurf eines Sponsors getätigt wurde. Sorry, da fällt einem nix mehr ein.

Es nervt alleine schon die Frage, wo und in welcher Form nun die Spiele zu sehen sind und wie viele Anbieter man für ein umfassendes Programm bezahlen muss. Es kann eine ganz reinigende Antwort darauf geben: Fickt euch! Wenn Fußball der Luxusklasse nicht mehr gesehen werden soll, dann schaut man halt nicht hin!

Das Problem dabei ist allerdings, dass der Fußball mehr und mehr zum Calcio Parlato wird. Man sieht nix, aber jeder Depp darf etwas dazu sagen. Das hat dem italienischen Fußball nicht gut getan und Deutschland ist auf dem besten Weg dahin; sogar die italienische Unsitte grundsätzlich angebliche Blondinen solche Sendungen auf gerade noch legalen Highheels moderieren zu lassen, wurde dabei übernommen. Zu was das führt, kann man seit letztem Jahr auf RTL Nitro sehen. Dreister Populismus wird kaum durch Fußball, sondern durch die üblichen Werbeblöcke unterbrochen. Am deutlichsten zeigt sich das in einer Rubrik, in der sich ein gewisser Markus Brauckmann (oder ähnlich) das Allerdümmste von Volkes ungewaschenem Maul abschaut und in der Grauzone zwischen BILD-Zeitung und Roland Freisler hetzt. Ein Beispiel für das Vorgehen: Als Fans in Mönchengladbach organisiert gegen die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus ausfällig wurden, zeigte man das mit einer Tonspur, bei der nun aus dem Grölen wirklich niemand die genaue Wortwahl heraushören konnte. Also zeigte man es nochmal und blendete in größtmöglichen Lettern den genauen Wortlaut ein, sodass der Nächstdümmste gleich mal wissen konnte, wie man mit Frauen im Fußball umgehen kann. Eine Liga, die ein vernünftiges Produkt anbieten möchte, sollte sich ernsthaft darum kümmern, dass der Käufer das Produkt auch vernünftig behandelt.

Alle kennen es ja. Taktik heißt heutzutage nicht mehr alleine, die längsten Innenverteidiger bei Ecken in den gegnerischen Strafraum zu verschieben. Nein, heute gibt es vertikales Spiel, horizontales Spiel und diejenigen, die solche Ausdrücke verwenden wissen gelegentlich auch, was aus welchem Blickwinkel damit gemeint ist. Neueste Erkenntnis: Der Ballbesitzfußball ist tot. Gratulation für diesen neuen Unfug, der wohl Reaktion auf die Eigentorflut bei der WM ist. Nur eine Mannschaft mit hohem Ballbesitzanteil kann so viele Eigentore erzielen! Quasi die Quadratur des Kreises. Wenn man den Blick auf die Mannschaften in Deutschland wendet, so fällt auf, dass diese Teams tatsächlich europaweit Defizite haben. Defizite bei Ballverlusten, aber auch bei Ballgewinnen. Egal, ob bei eigenen Kontern, oder im Verhindern von Kontern fehlen einstudierte Laufwege, Abwehrspieler rennen sich gegenseitig über den Haufen und Angreifer sind einfach ins Abseits zu stellen. Der einzig taktisch sinnvolle Laufweg, der in der Bundesliga in den letzten 20 Jahren verstanden wurde, ist das Hinterlaufen des Gegners bei Angriffen über den Flügel, doof nur, dass in der selben Zeit verlernt wurde, gezielte, scharfe Flanken zu schlagen, womöglich sogar aus dem Lauf heraus, der durch den Laufweg entstanden ist. Die inzwischen am liebsten gestellte Frage ist die nach dem System. 4-4-2, 3-5-2 und alle anderen Systeme haben jedoch kein Sinn, wenn sie nicht je nach Spielsituation variiert werden. Ein Musterbeispiel dafür war das Halbfinale der Franzosen. Das System wurde während des Spiels mehrfach verändert und dennoch konnte jeder, der nur ein bisschen Ahnung von Taktik hat, erkennen, wie mathematisch präzise die Abstände zwischen den Spielern immer bei belgischem Ballbesitz eingehalten wurden. Belgien wurde brillant jeder Raum genommen. Egal ob Weltmeister oder Regionalligist. Mit diesen Mitteln kann, wenn sie nur konsequent genug gespielt werden, jeder sogenannte Kleine den Großen das Leben schwer machen. Es gilt schon fast das Klischee, dass es keine Kleinen mehr gibt. Die wahrlich Großen werden sich in den nächsten Jahren immer mehr durch Tempo auszeichnen, durch rein physische Geschwindigkeit, durch Tempo mit dem Ball und durch Handlungsgeschwindigkeit, zu der außergewöhnliche Technik gehört, die nicht dadurch bestimmt wird, im Dribbling rumzufummeln und nicht dadurch den Ball möglichst lange in der Luft halten zu können. Ein Spieler, der mit dem Ball Tempo aufnehmen kann und dabei auch Gegenspieler abschütteln kann, wird immer wichtiger, da er nicht nur selbst torgefährlich werden kann, sondern seinen Mitspielern, den Raum geben kann, wenn nur die Laufwege stimmen, wenn genug Spieler schnell auf den richtigen Wegen mit dem Ball nach Vorne stürmen. Kevin de Bruyne und Eden Hazard haben das bei den Belgiern gezeigt, doch wo sind diese Spieler in der Bundesliga? Wo ist der nächste Lothar Matthäus?

Bei Leipzig jedenfalls nicht.

Leipzig

Auch wenn es nur der sechste Platz wurde, so war auch die letzte Saison eine Bestätigung der Fortschritte. Jetzt sitzt einmal mehr als Übergangstrainer der Mastermind der Leipziger Ralf Rangnick auf der Trainerbank und träumt von der Dreifachbelastung und träumt weiterhin davon, zwei unterschiedliche Kernkader für die Bundesliga und für eine mögliche Euroleague haben zu können. Sicherlich ein witziger Traum, doch ein Traum, aus dem Rangnick nicht mit einem Lächeln, sondern eher mit einem Angstschrei aufwachen wird, denn trotz des vielen Talents im Kader, wirkt er nicht groß genug, um überhaupt eine komplette Bundesligasaison dauerhaft erfolgreich bestreiten zu können, zumal es zum wiederholten Mal zu erheblichen Disziplinlosigkeiten einiger Spieler gekommen sein soll. Da Leipzig international spielt, müssen sie sich nun auch noch um das Financial Fairplay kümmern und die Spieler, die den das Team nun brauchen könnte, gibt es nicht mehr für ein paar Dosen Leergut der Ekelbrause.

 

Bayer Leverkusen

Letztes Jahr war Leverkusen für den Anfang der Saison noch nicht bereit, hat sich aber gefangen, teilweise schon die Ideen des Trainers gut umgesetzt und damit eine gute Saison gespielt. Dieses Jahr ist das Team sicherlich schon etwas weiter, wenn auch jetzt verletzungsbedingt der Saisonstart unnötig schwierig wird. Macht Leverkusen dieses Jahr weitere Fortschritte dabei, herrliche Ideen umzusetzen und zwar etwas früher, dann ist auch Leverkusen eines der Teams, die ganz oben richtig spannend werden können.

 

Borussia Dortmund

Hitzfeld wollte nicht, Klopp durfte nicht, der letzte erfolgreiche Trainer ist igitt, so darf sich nun also mal Lucien Favre bei den Dortmundern austoben. Kein schlechter Trainer sicherlich, ein Trainer der sich intensiver als andere mit den notwendigen Laufwegen beschäftigt, der schon einige Spieler gegen sich aufgebracht hat, da diese von den ewigen Wiederholungen genervt waren. Ganz genau wie im letzten Jahr ist die Mannschaft zunächst von einem neuen Übungsleiter begeistert, der Vorstand begeistert und man hat ein schönes Thema, um vom grundsätzlichsten Problem abzulenken, dass es nicht gelingt, gestandene Abwehrspieler zu halten oder zu verpflichten. Nichts gegen Toprak, Diallo oder Akanji, doch wer soll Wortführer werden? Wer kann in der Defensive die Verantwortung übernehmen, wenn es eng wird? Stattdessen wird darüber diskutiert, welchen Mittelstürmer man noch verpflichten soll und man besitzt gleichzeitig ein Überüberangebot an zentralen Mittelfeldspielern. Aber am Ende hat man ja nun Zorc, und Kehl und notfalls auch noch Sammer, die erklären, warum es nichts mit dem Titel wurde. Keine Frage dürfte dagegen sein, dass in Dortmund wieder besserer Fußball zu sehen sein wird und auch das ist ein Erfolg.

 

TSG Hoffenheim

Sehr sehr spannend ist auch Hoffenheim. Der Trainer und das Team wollen das Maximale erreichen und das ist angenehmerweise keine Kampfansage nach außen; es ist eine Vorgabe nach innen. Wenn schon über taktische Flexibilität geschwärmt wurde, so ist Hoffenheim in der Bundesliga führend. Am Wichtigsten jedoch ist, dass die meisten Spieler in dieser Saison die Anforderungen des Trainers schon kennen, sodass tatsächlich ein weiterer Schritt voran gelingen könnte und Hoffenheim war zuletzt schon Dritter. Jetzt kommt auch noch Champions-League mit sicherlich schwierigen Gegnern dazu. Hochinteressante und spannende Tage. Leider fehlt verletzungsbedingt im Mittelfeld die geplante Topbesetzung und auch Ersatzmänner sind angeschlagen. Vermutlich müssen einige taktische Mittel etwas verschoben werden, zeitlich wie auch auf dem Feld. Am Ende wird das Projekt womöglich gefährdet, wenn der Populismus im Falle einer Krise von einander abschreibt, dass Nagelsmann die Mannschaft nicht mehr erreicht, da er ja nach Leipzig wechselt. Etwas das keinem Trainer zu gönnen ist.

 

Schalke 04

Wann musste man schon ernsthaft feststellen, dass eine Mannschaft spannend wird, die in der vergangenen Saison so schlechten Fußball gezeigt hat? Wann feststellen, dass Schalke hochinteressant ist, ohne dabei die Frage zu stellen, wie viele Trainer in der kommenden Saison wohl verschlissen werden, was es für amateurhaftes Verhalten in der sportlichen Führung geben würde? Wahrscheinlich zu den Zeiten als man noch von der Fußlümmelei sprach. Trainer Tedesco hat enorm effizient gearbeitet und wird wissen, dass es nun darum geht auch in der Offensive neue Konzepte zu entwickeln. Ein Naldo neben einem Sane hinten drin, da brauchen die Mittelstürmer der gegnerischen Mannschaften sicher keine Sonnencreme, sie werden die Sonne nicht sehen. Jetzt muss Tedesco der Offensive neues Leben einhauchen, nicht nur für diese Saison, die spannend genug wird, sondern für die Entwicklung der nächsten Jahre.

Bayern München

Nicht wirklich ernsthaft darf man den Bayern eine gewisse Chance absprechen, die deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Im Team stecken einfach zu viele Spieler, denen das Gewinnen Spaß bereitet. Auch der neue Trainer ist nicht dafür bekannt, einen Mangel an Ehrgeiz zu besitzen. Das sind die schlechten Nachrichten für die Gegner. Dass der Trainer auf diesem Niveau keine Erfahrung besitzt, könnte die Liga spannend machen, denn in München wird eigentlich in jedem Spiel egal welches Wettbewerbs ein Sieg erwartet. Niko Kovac weiß das, nur ob er in der verantwortlichen Position damit umgehen kann, wenn es mal schwierig wird, ist die entscheidende Frage dieser Saison. Die Vorbereitung hat zumindest gezeigt, dass er nicht mit der Losung „immer so weiter“ den Job beginnt. Ein gutes Zeichen ist, dass er die Spieler offensichtlich noch fitter machen möchte, fit genug um den Ball schneller zurückzugewinnen und die Gegner aggressiver anzugehen. In der Liga kann das ausreichen, gerade nun da es einige ambitionierte Gegner gibt, die sich dabei gegenseitig die Punkte wegnehmen könnten.

Jetzt geht es dann sehr bald los. Eigentlich ist das Eröffnungsspiel schon das vorweggenommene Endspiel, ein Spiel, das durchaus Spektakel erwarten lässt und Spektakel muss nicht mal heißen, dass besonders viele Tore fallen.

Wie immer an dieser Stelle:

Und jetzt gehts naus und spielts Fußball, aber mal richtig Gscheidn!