„Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.“, schrieb schon das deutsche Jahrtausendgenie Georg Christoph Lichtenberg. Dass er in Göttingen des 18.Jahrhunderts damit Fußballfans gemeint hat, ist eher unwahrscheinlich. Betrachtet man doch gerade die lautesten und farbenprächtigsten Stadionbesucher, so hat Lichtenberg recht. Die meisten sogenannten Fußballfans sind schließlich Fan eines Vereins und nicht des Sports. Vielen anderen kann man das debile Grinsen kaum aus dem Gesicht operieren, doch diese kann man nur als Eventfans bezeichnen. Sie besuchen möglichst wichtige Fußballspiele genau wie European Song Contest-Partys oder die Pflichtpartymeilen aller Städte der westlichen Welt. Letzten „Fan“ findet man in dieser zur Zeit wirklich kalten Jahreszeit nicht im Stadion; ersteren schon. Über diesen schrieb ebenfalls Lichtenberg: „Er kann sich einen ganzen Tag in einer warmen Vorstellung sonnen.“

Ohne den Gegner kann es keinen Fußball geben. Insofern kann übersteigerte Rivalität eigentlich nur der Ausdruck einer gestörten Beziehung zum eigenen Verein, also Rivalität mit der eigenen Identität sein, die eigene Existenz gefährdender Selbsthass. Manche sollten diese innere Realitätsflucht vielleicht nicht unbedingt in der Stadionmasse suchen. Es gibt doch auch Alternativen. Wie wäre es mit Multiplayer Computerspielen? Nicht gegen die Liebe zu einem Verein, doch Liebe macht leider auch blind. Jede einzelne Entscheidung eines Schiedsrichters gegen den eigenen Verein lauthals anzuprangern, das können tatsächlich auch echte Blinde. Es muss keinesfalls sein, dass jeder auch nur eventuelle Ballkontakt zwischen Knie und Kinn gleich mit einem gröhlenden „Haaaaand!“ kommentiert wird. So etwas kann einem die Lust am Fußball manchmal schon etwas vermiesen. Doch je weiter die Rückrunde in Richtung der entscheidende Spiele voranschreitet, desto lauter werden die Schreie und die anschließenden Diskussionen wieder werden. Bevor es jedoch zu negativ klingt, soll die emotionale Macht des Fußballs, dessen große pathetische Kraft betont werden. Auch den neutralsten Zuschauer kann die Aufführung lautstark aus dem Sitz reißen, wenn großes Theater geboten wird. Und verdammt noch mal, das ist genau das, was wir uns am besten in allen Spielen der Rückrunde wünschen.

FC Augsburg

Sowohl in der Bundesliga als auch im Europacup war Augsburg die Mannschaft, bei deren Spielen die meisten strittigen bis skandalösen Entscheidungen der Schiedsrichter auftraten. Faszinierend und für den Saisonverlauf enorm bedeutend war, dass auch negative Entscheidungen bis auf eine Ausnahme nie groß thematisiert wurden. Nur der skandalöse Elfmeter zum Siegtor der Bayern wurde länger ein Thema, was allerdings kein Wunder ist, da die Entscheidung die Augsburger in der letzten Spielminute traf und das letzte Glied einer langen Kette von (teilweise entscheidenden) Fehlentscheidungen in Spielen gegen die Bayern war. Ansonsten muss man Augsburg schon wieder das Kompliment machen, dass sie trotz der teilweise üblen Tabellensituation einfach ruhig ihre Arbeit verrichteten. Nur so konnten die Augsburger in der Bundesliga und im Europacup das Blatt wenden. In der Liga fielen Fehlentscheidungen auch mal für Augsburg aus und Augsburg kletterte vom letzten auf den zwölften Platz. Quasi genauso verlief der Europacup. Augsburg verlor mit Pech zunächst Spiele, in denen sie sehr gute Leistungen brachten, ja größtenteils besser als der Gegner waren, gewannen aber mit viel Glück und einem großartigen Torwart Hitz die Spiele gegen Alkmaar. Die ach so schlimme Mehrfachbelastung durch den unerwartetetn Auftritt in Europa war dem Team trotz einer zwischendurch ewig langen Verletzungsliste nicht anzusehen. Nein, im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Außenseitern im Europacup, rissen sich die Spieler zusammen und dürfen nun gegen Liverpool spielen. Man kann zu den Lechschwaben stehen wie man will, das verdient ein großes Kompliment und die besten Wünsche, dass es auch in der Rückrunde ruhig bleibt.

FC Ingolstadt

Nach langer Recherche konnte nicht ermittelt werden, welche Werbeagentur dafür verantwortlich ist, dass die Bewohner Ingolstadts und auch der Verein plötzlich wieder unter dem eigentlich längst vergessenen Namen Schanzer, benannt nach der Stadtfestung, bekannt sind. Der Verein hat sich inzwischen auch wirklich einen Namen in der ersten Fußballbundesliga gemacht. Nur hat keine Mannschaft aus dem betriebenen Aufwand so wenig Punkte gemacht. Selbst Bayernfans schwärmen mit höchstem Respekt von der ersten Halbzeit, die Ingolstadt in der Allianzarena spielte und das nicht nur defensiv und mit Härte, sondern auf höchstem taktischen Niveau, das enorm konzentrierte Laufarbeit benötigt. Mit nur wenig mehr Glück könnte der FCI mindestens acht Punkte mehr auf dem Konto haben. Wer den Schanzern vorwirft, sie seien ein Retortenclub, der nur mit dem Geld von Audi in der Bundesliga spielt, dem ist auch mit Realität oder Argumenten nicht beizukommen. In der witzigen, wie winzigen Arena im spröden, südöstlichen Industriegebiet der Stadt herrscht eine beeindruckende Stimmung, obwohl das eigene Team mit Toren geizt. Die Fans respektieren, dass die Mannschaft sich zereißt und das mit schwindender Kraft die Konzentration zum Torabschluss fehlt. Das soll nun der Paraguayo Lezcano ändern. Der ist sicherlich ein guter Spieler, ist trotz hoher Laufarbeit vor dem Tor eiskalt, doch ob der Heißsporn, der nach einem wüsten Angriff auf den Schiedsrichter in der Schweiz für nur acht Spiele gesperrt wurde, das aufwendige System Hasenhüttls auf dem Niveau Bundesliga schnell begreift, ist fraglich. Ingolstädter oder Schanzer, ein weiteres Jahr Bundesliga wäre eine Bereicherung.

Hamburger SV

Eigentlich hat sich der HSV nach den letzten Jahren noch immer kein Wort verdient, doch das wiederum wäre unverdient gegenüber unseren Lesern. Langsam aber sicher hat es Bruno Labbadia in Hamburg geschafft ein Team, das den Namen Mannschaft verdient, zu entwickeln. Noch gibt es Spieler, die auf dem Feld plötzlich in alte Egoismen zurückfallen, doch haben sich andere fast schon sensationell entwickelt. Johan Djourou ist nach Jahren, in denen man dem manchmal arg tapsigen Schweizer die Bundesligatauglichkeit schlicht absprechen musste, zu einer festen Größe geworden und leistete sich in der gesamten Hinrunde weniger peinliche Fehler, als in den meisten einzelnen Spielen der vergangenen Jahre. Es wirkt fast so, als wollte der HSV dieses Jahr wirklich nicht absteigen.

1.FC Köln

So ruhig es in anderen Städten ist, so ruhig und besonnen die Verantwortlichen Stöger und Schmadtke in den letzten Jahren in Köln wirkten, so typisch Köln ist, dass auch diese sich durch die Hysterie des Umfeldes anstecken ließen. Natürlich gab es ein paar üble Fehlentscheidungen gegen den FC, aber das rechtfertigt nicht, dass es plötzlich kein anderes Thema mehr gab, zumal entscheidende Fehlentscheidungen zugunsten der Kölner wie im HSV-Spiel natürlich sofort vergessen werden. Diese Ablenkung zog die Mannschaft in der Tabelle runter. Aber Kölner sind nun mal die vielleicht größten Mimosen. Wer nicht täglich schwört, dass der Dom die wirklich allerbestesteundallertolleste Kirche der Welt, nein des Universums ist, ja möglicherweise einen vergleichbaren Kirchenbau nennt, der lernt die ewige Hysterie der Stadt kennen. Was unterhalb des Doms neulich passierte, wäre anderswo wohl auch kaum so dermaßen aufgebauscht worden. Der Express und natürlich auch RTL, beides Medien die außerhalb des Rheinlandes keine Rolle (mehr) spielen, heizen die Paranoia der Domstädter stets weiter an, was dem örtlichen Fußballverein absolut nicht gut tut. Sollten es die Verantwortlichen rund um das Geißbockheim schaffen, dass die Köpfe der Spieler wieder bei der Arbeit anstatt irgendwelchen Nebenkriegsschauplätzen bleiben, dann kann der FC zwar noch lange nicht die Wünsche der Fans erfüllen, doch eine mehr als ordentliche Saison spielen. Als Beobachter von außen gefiel es mir besonders, dass der von vielen Fans plötzlich verfluchte Anthony Modeste (im WDR-Liveticker liebevoll gerne Podeste geschrieben) gegen Dortmund für den Umschwung dahin sorgte. Ein schönes Zeichen gegen ein allzu kurzes Gedächtnis.

Mainz 05

Ich bekenne, dass ich mit den Mainzer nicht zurecht komme. Es ist schwer zu ergründen, warum sie auf Platz acht stehen, es ist schwer zu erklären, warum sie in einem Spiel gut, im anderen schlecht spielen. 24 Punkte sind eine starke Ausbeute aus der Hinrunde. Ich möchte die Mainzer verstehen, aber es gelingt nicht und ich meine dabei nicht den rheinhessischen Dialekt. Die Abgänge Geis und Okazaki konnten kompensiert werden, doch wie? Dass der neue Japaner Muto so einschlägt, ist wohl für alle eine Überraschung, dass der kleine Herr Malli so durchstartet eine noch größere. Malli steht für die Saison der Mainzer, er schleicht meistens unauffällig durch die Spiele, obwohl er zaubern könnte, er ist manchmal extrem effektiv, mal äußerst neben sich und den Mitspielern. Eine Antwort auf die Frage, ob Trainer Schmidt nicht doch ein Blender ist blieb aus. 24 Punkte bleiben stehen.

VfL Wolfsburg

Was passieren kann, wenn die Ausrede in den Köpfen spukt, dass der wichtigste Spieler im letzten Moment gegangen ist, was passieren kann, wenn damit das Engagement auf dem Feld nur um wenige Prozent sinkt, was passiert wenn die Krise des Hauptsponsors rund um den Verein das Thema Nummer eins ist, was passiert, wenn nicht rechtzeitig gegen diese Entwicklung angegangen wird, sondern in der Mannschaftsaufstellung aufgrund der Mehrfachbelastung rotiert wird, obwohl sich noch kein neues Mannschaftsgefüge entwickelt hat, alles das kann man am Tabellenstand des VfL ablesen und vor allem in den Spielen sehen. Es ist ja nicht so, dass die Wolfsburger das Fußballspielen verlernt haben, nicht so dass Kevin de Bruyne letzes Jahr für den Erfolg allein verantwortlich war, es sind die Zufriedenheit und die Unzufriedenheit mit der persönlichen Situation und der Gesamtsituation im falschen Moment. Mit nur einer Kleinigkeit weniger Einsatz in den wichtigen Momenten hat Wolfsburg es geschafft, dass die Mannschaft zurecht nicht mehr zu den Spitzenteams der Liga gehört, obwohl sie das Potential dazu fraglos besitzt. Es wurde immer eher ein Schritt weniger als mehr gemacht. Das muss sich schnellstens ändern, sonst sind nicht nur die Ziele in der Liga in Gefahr, sondern sonst wird die eingeschworene Mannschaft aus Gent als kompletter Außenseiter im Februar zum peinlichen Stolperstein im Achtelfinale der Championsleague.

Nehmen Sie sich auch morgen wieder einen Moment Auszeit von dem Dschungelcamp oder dem Rassismus gegenüber Flüchtlingen und lesen sie, was an der Spitze der Bundesliga so los ist. Werden die Bayern vielleicht Meister? Verlässt Guardiola die Bayern? Wird Hoeneß neuer Manager auf Schalke? Kann es sein, dass in der Reichshauptstadt außerhalb des Pokalfinales Fußball gespielt wird? Ach, Sie können die Wahrheit doch gar nicht ertragen!