Hände hoch!

Wenn dieser Satz bei Ihnen als Individuum schon Unwohlsein auslöst, so stellen Sie sich ihn als Gruppe oder als Masse vor. Setzt es einen inneren Fluchtinstinkt in Gang, kommt es zur Massenpanik oder war alles nicht so ernst, also nur eingebildet, quasi Massenpsychose?

Ein Forscher beschrieb die Massenpanik einmal als ein unruhiges Verhalten, das gleich einer Epidemie erst auf kleine Gruppen und schließlich auf die große Masse übergreife, was zum Kollabieren der kollektiven Intelligenz führe.

Genau das ist im Fußball passiert, wenn es um das Handspiel geht. Es ist ein Zusammenbruch der menschlichen Vernunft, die sich in der Masse auflöst, eine Massenpanik oder -psychose. Dass der Fanatiker eines Vereins in der Masse dazu neigt, ist ja nichts Neues. Da wird schon immer, und selbst das dürfte unter objektiver Betrachtung kaum haltbar sein, sofort ein Handelfmeter gefordert, wenn ein Abwehrspieler im Strafraum über Hüfthöhe egal mit welchem Körperteil den Ball berührt. Doch dieses die individuelle Intelligenz missachtende Verhalten hat nun auf quasi jeden Betrachter des Fußballs übergegriffen, auf den normalen Fan, auf die Kommentatoren und schrecklicherweise auf die Schiedsrichter.

Zumindest in den Spielen, die von der Masse medial begleitet werden, wird inflationär oft auf Handelfmeter entschieden, sind Rekorde der Anzahl von Handelfmetern zu verzeichnen. Nach repräsentativer Analyse etwa des letzten halben Jahres muss allerdings konstatiert werden, dass etwa ein Drittel aller Entscheidungen (mit oder ohne Videobeweis) schlicht und einfach falsch sind und etwa zwei Drittel aller Handelfmeter womöglich irgendwelchen Auslegungen entsprechen aber dennoch nicht dem Sinn der Handspielregel. Die Auswirkung dieser Massenpsychose auf den Fußball ist also unmittelbar zu erkennen Dazu beschädigt die Auswirkung den Fußball an sich. Immer häufiger ist der Zufall entscheidend, immer öfter wird versucht den Ball irgendwie halbhoch in den Strafraum zu ballern, um dem Zufall nachzuhelfen, anstatt dass versucht wird, sauber den Torerfolg zu suchen.

Es muss also ein kleiner Ausflug in die Geschichte unternommen werden. Vermutlich waren es die Cambridge-rules, die den Fußball zum ersten Mal deutlich vom Rugby abgrenzten. Nur in einem Fall war es nun dem Feldspieler nicht mehr erlaubt, den Ball kontrolliert zu fangen. 1871 kam es zur endgültigen Trennung von Rugby und Fußball durch die Football Association. Resultat war, dass die Feldspieler nun den Ball nicht mehr mit der Hand spielen durften, dass heißt den Ball weder fangen durften, noch ihn mit der Hand passen durften. Das ist bis heute der Sinn der Handspielregel. Mit der aufkommenden Professionalisierung der Fußlümmelei, ging leider auch der Sinn für Fairplay immer mehr verloren, sodass nun die bewusste Erschaffung eines Vorteils durch ein Handspiel strafbar wurde, also das absichtliche Handspiel. Damit war die Grenze der Vernunft erreicht. Jede Form von Auslegung danach führte zu Chaos und entsprach letztlich dem Grundgedanken der Handspielregel nicht mehr. Es soll an dieser Stelle gar nicht mehr wiederholt werden, welche Formulierungen das heutige Chaos verursacht haben. Es muss im Sinne des großartigen Spiels Fußball dabei bleiben, dass ohne weitere Erklärung ausschließlich absichtliches Handspiel als strafwürdig betrachtet werden muss.

Ähnliches wurde kürzlich innerhalb dieser Recherche in einen Kommentar-Blog eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks gepostet. Die Reaktion: „Was ist Absicht? Ich bin gespannt, wie du das genauer definierst.“ Da sind wir bei Gertrude Stein: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Und verdammt nochmal: Absicht ist Absicht ist Absicht. Und wer diesen Begriff nicht versteht, der besitzt weder individuelle noch kollektive Intelligenz. Darüberhinaus sollte ein Schiedsrichter, der weitere Auslegungen benötigt, womöglich besser zu einer anderen Sportart wechseln, die vielleicht weniger hektisch ist. Mein Vorschlag: Kanalschwimmen.

Sämtliche Fehlentscheidungen, sämtliche Irritationen gehen von sinnlosen Interpretationen und Auslegungen aus und zwar einzig und alleine. Keine dieser Auslegungen entspricht dem Sinn der Handregel, nein sie beleidigen die Intelligenz der Spieler, der Schiedsrichter und die der meisten Zuschauer. Also weg damit!

Wir sind aber offenbar alle längst ein bis zwei Schritte über der Klippe. Was mir der Hypothese im Sinne von Elias Canetti begann und den aktuellen Umgang mit der Handspielregel als Massenpsychose deuten wollte, wurde zum Schlechteren überzeugt. Es ist längst Massenpanik. Der Zusammenbruch jeder Intelligenz. Es ist ein Phänomen unserer Zeit. Wie die Lemminge wird der Weg über die Klippe nicht mehr hinterfragt und die Zweifler werden durch die Masse mitgerissen. Eine Welt, die, wie es Friedrich Dürrenmatt definieren würde, nicht mehr als Tragödie dargestellt werden kann, sondern nur noch als Komödie, da der Masse jeder Sinn für Begriffe wie Schuld oder Verantwortung fehlt.