Man sagt ja doch in unzähligen Variationen etwas wie: „Kannste vergessen!“ Den Imperativ bräuchte es gar nicht, wenn man der Europameisterschaft 2016 gedenkt. Fast, ja fast wurde vergessen, dass eine EM eigentlich ja noch eines Nachrufs bedarf. Das passiert schon, wenn man plötzlich nicht mehr einschlafen kann, weil der EM-Fußball fehlt. Wer es dann versucht, statt Schäfchen die Teilnehmer zu zählen, dem muss man eine gute Fachkenntnis unterstellen, wenn er oder sie auf 22 nur Teilnehmer kommt.
Nur wenige Europameisterschaften waren ja ein Füllhorn von Erinerungen, doch diesmal muss man nur vier Tage nach der EM die Tatsache wiederholen, dass der Europameister Portugal heißt. Nicht nur im Fußball sind bloße Siegerlisten allerdings noch lange kein Grund, um sich nachhaltig an einen Wettbewerb zu erinnern. Spannende Duelle, großer Sport sind jedem viel länger im Gedächtnis.
Von 51 Spielen der EM bleibt wohl einzig das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich in Erinnerung, ein Spiel, das durchaus von der Intensität und teilweise vom Tempo her mit guten Championsleaguespielen mithalten konnte. Andere Spiele hatten allerhöchstens phasenweise das Niveau eines Spitzenspiels der zweiten Liga. Sogar die schlimme Euro 2004 war in manchen Gesichtspunkten erträglicher. Damals gewann übrigens der große Außenseiter Griechenland gegen Gastgeber Portugal 1-0 und zwar quasi auf die selbe fußballverachtende Art und Weise wie nun Portugal im Finale gegen des Gastgeber. Der jetzige Trainer des Europameisters war davor in Griechenland tätig. So schließt sich ein Kreis aus schlechtem Fußball.

Von jedem, der nicht in Lohn und Brot der UEFA steht und sogar von manchem der etwas mit dem europäischen Verband zu tun hat, wurde die Ursache schnell und richtig erkannt. 24 Mannschafen sind zu viel und verwässern die Qualität des Turniers. Dabei wird die Frage, warum das so ist, ausgelassen. Die Wenigen, die noch immer für 24 Teams sprechen, argumentieren grundsätzlich mit den sympathischen Außenseitern, verschweigen dabei aber, dass Island und Wales ohnehin qualifiziert gewesen wären. Genau das sollte auch den Blindesten zu den Ursachen des Niveauverlustes führen. Am Anfang war die Wahl Platinis zum UEFA-Präsidenten. Diese wurde durch die Stimmen der kleinen Verbände möglich, die sich bei der versprochenen Erweiterung der EM größere Chancen auf eine Teilnahme ausrechneten. Es folgte eine Qualifikation, die die Favoriten mit halber Kraft bewältigen konnten. Man lernte bereits, sich durchzumogeln. In der Vorrunde kamen dann schon die am wenigsten schlechten Mannschaften weiter, es wurde sich also weiter durchgemogelt, ohne das größere Anstrengungen investiert werden mussten. Die „Kleinen“ konnten mithalten, da die „Großen“ ihr eigentliches Können nicht mehr gewohnt waren zu zeigen. In den KO-Spielen wurde das dröge Spiel dann weitergeführt, da es auf Grund des „Erfolgs“ keine Motivation gab, an der vorsichtigen Art zu spielen, etwas zu ändern. Letztlich schafften es nur Deutschland und Frankreich im Halbfinale den Schalter umzulegen. Deutschland spielte dabei aktiv, das Spiel mit dem Ball bestimmend. Frankreich war ebenfalls aktiv, das Team stellte sich nicht nur passiv rund um den eigenen Strafraum, sondern arbeite hart und gezielt daran, die eigenen Pläne zum schnellen Umschalten umzusetzen. Alles in allem konnte diese eine Ausnahme das Turnier nicht mehr retten.
Gelegentlich wird argumentiert, dass die großen Spieler nach einer langen Saison nicht mehr frisch genug für solch ein Turnier wären. Dabei ist von den Spielern die Rede, deren Name schon immer größer war als deren Leistungen. Besonders die Leistungen von Gareth Bale würden gegen die These sprechen. Bei diesem Turnier gab es aber auch unzählige Spieler, die im Normalfall ohne den Glanz eines großen Namens wichtige Leistungsträger sind, aber nun außer From waren. Alaba, die Finalteilnehmer Matuidi oder Joao Moutinho, David Silva, Thomas Müller oder viele Belgier stützen die These der Überbelastung. Solange immer mehr Geld in das Geschäft Fußball gepumpt wird, sind jedoch alle Vorschläge, die Belastungen zu verringern nichts als naive Träumereien.

Wenige Teams verdienen sich noch ein paar Sätze, manche waren so erfolgreich, dass man ein paar Sätze schreiben muss.

Portugal
Über den unerheblichen Fußball Portugals zu schreiben, würde sicher hier nicht stattfinden, wenn die Mannschaft nicht Europameister geworden wäre. Nach einer Saison in der sich die Teams in Portugal wieder an den Offensivfußball erinnerten, fand genau dieser in der Nationalmannschaft nicht statt. Zweifellos gut organisiert und bereit mit verschiedenen Mitteln den Spielfluß des Gegners zu stören, wurschtelte sich Portugal bis zum Titel durch. Dabei machten sie nach der ersten erfreulichen Hälfte gegen Island eigentlich das meiste falsch. Cristiano Ronaldo war nicht mehr in das Spiel eingebunden, sondern war Ziel jedes Angriffs, verlor in jedem Spiel durch ein gutes Dutzend sinnloser Schüsse den Ball für Portugal, sodass letztlich alle anderen Spieler für den eigenen wie auch den Ballverlust des Gegners arbeiteten. Eventfans, die sich alle zwei Jahre mit dem Trikot ihrer Nationalmannschaft und den Farben des Landes verkleiden, sollten mit einem Europameister Portugal allerdings höchstzufrieden sein. Ein Team, das eigentlich einen feinen Fußball zeigen kann, warf alles an schönem Spiel für den nationalen Erfolg in die Mülltonne. Das ist doch genau das, was diejenigen wollen, die selbst am Auto ein Fähnchen trugen. Da fällt die Gratulation des Fußballanhängers doch relativ unherzlich aus.

Frankreich
Die Equipe tricolore spielte am Anfang wie immer, zurückhaltend, ohne jeden Zauber, der ihnen noch immer in getrübter Erinnerung an die erfolgreichen Zeiten mit Platini und Zidane unterstellt wird, aber recht effektiv. Dann machte sich Frankreich als erste Mannschaft die kleine Mühe, das Spiel Islands zu analysieren und spielte ab diesem Zeitpunkt sehr präsenten und aktiven Fußball, den sie leider im Laufe der ersten Halbzeit des Finals verloren. Deswegen, so unnötig es wahr, darf man sagen, dass sie sich den Sieg im Finale auch nicht verdient hatten.

Deutschland
Die deutsche Mannschaft hat genau das Gegenteil von Portugal gemacht, hat sich nach einem sehr laschen Beginn gefangen und wieder sehr dominanten Fußball gespielt. Als Hummels und endlich auch Gomez spielten, war Deutschland die wahrscheinlich beste Mannschaft des Turniers und wenn auch nur, weil es das Team war, das am meisten für den Fußball getan hat. Einen hier häufig kritisierten Spieler, sollte man ausdrücklich loben. Mesut Özil war zwar insgesamt nicht besonders gut, doch war er endlich bei einem Turnier auf dem Feld zu sehen, ja wirklich auffällig. Schade natürlich, dass man auf die Traditionalisten unter den Medien und Sponsoren geachtet hat und somit sicher nicht der beste Kader für die EM aufgestellt hat. Gut dass sich die erfahrensten Spieler nun endgültig für das Leben als Promi entschieden haben.
PS: Deutschland hat es bei einem großen Turnier wieder nicht geschafft, Italien zu besiegen.

Die Außenseiter
Wales, Island, auch die Fans Irlands und Nordirlands waren die erfreulichen Höhepunkte der EM. Das sollte den anderen Teams aber mal so richtig zu denken geben!

So kommen wir zum Schluss zum Allstarteam der EM 2016
Dieses könnte etwa so aussehen.

Buffon
Hummels
Boateng
Bonucci
Renato Sanches
Iniesta
Birkir Bjarnason
Perisic
Ramsey
Bale
Griezman

So, und jetzt geht´s raus und schaut euch echten Fußball an (die Regionalligen in Deutschland beginnen heute) oder spielt Fußball. Und bitte versucht, auf jeden Fall zu verhindern, dass die WM in zwei Jahren in diesem Russland stattfindet. Wendet euch an eure Vereine, an eure Verbände und wenn ihr belastende Dokumente besitzt notfalls an mich oder spielt diese den ULTRAS Gänseblümchen auf Facebook zu.

EM?
Ich habe fertig!