Nachdem nun die Spiele der ersten fünf Gruppen beendet sind, ist zu konstatieren, dass das Niveau bislang bedenklich niedrig ist. Von den Teams, die nur durch die Erweiterung auf 24 Mannschaften dabei sind, war ja nicht viel zu erwarten. Insofern konnten sie auch nicht so enttäuschen, wie die sogenannten Großen, deren es teilweise an Fitness (England) mangelte, die zu anderen Teilen vor Nervosität Schwierigkeiten hatten, einen Fuß sauber vor den anderen zu setzen (Frankreich), die teilweise so eingespielt wirkten, als wären sie fünf Minuten vor Anpfiff nominiert wurden (Deutschland), die taktisch einfach alles falsch machten (Belgien) oder die einfach schlafwandelten (Spanien) So kann die Gruppe F mit Österreich-Ungarn, Island und den launischen Portugiesen wenig falsch machen.
Den Charme des fin-de-siecle hat die Auslosung der Gruppe F. Österreich-Ungarn vereint, das lässt Traditionalisten in Bad Ischl und beim Opernball laut aufseufzen, auch wenn dabei die immerwährende Fäulnis der Konstruktion verdrängt wird. Daher gibt es trotz aller Versuchung genug Gründe, die Fußballmannschaften sauber zu trennen. Am Anfang also

Österreich

Es brauchte keinen Thomas Bernhard, um das Österreich seiner letzten Erfolge im Fußball zu beschreiben. Wer die dumpf-nationale Idiolalie der Sportreporter, egal ob beim nationalen Sanctuarium dem Skisport oder beim Fußball noch erlebt hat, der weiß um die Verrohung eines Landes, das sich ein penetrantes endlichsammawiedawer täglich auf den Wunschzettel schrieb. Pöbelnde Verbalaffekte, die stets, mit der geistesverlassenen Floskel „Man möchte ja niemand ein Unglück wünschen..“ versehen waren. Das kennen wir auch heute noch, wenn häufig aber nicht nur in sächsischem Akzent defäkiert wird: „Ich habe ja nichts gegen Ausländer..“ Das folgende „aber“ zeigt den angeboren Schwachsinn dieser Zwillinge im bürgerlichen Kostüm.
Es mag die Entwöhnung von dem ORF sein, dass man diese Kompensationen eines nationalen Minderwertigkeitsgefühls heute in der Erinnerung suchen muss, doch hat sich wirklich etwas geändert, wenn in dem schnitzelförmigen Land im Jahr 2016 fast der Feschismus zum Staatsoberhaupt gewählt wurde? Dass wohl gerade die Hoferwähler den nationalen Erfolg im Fußball nun einem Team rund um Alaba und Magister Astronautovic wünschen, ist in der Schizophrenie eines Landes zu orten, das von jeher an Scharlatane jedes Fachbereichs glaubte.
Damit sei nicht gesagt, dass der schweizerische Nationaltrainer ein Scharlatan sei. Doch die jüngsten Erfolge, ja die sensationell souveräne Qualifikation des Nationalteams beruhen zum Teil darauf, dass vielversprechende Spieler einem Übungsleiter endlich zuhörten und danach handelten. Noch zur Auslosung durfte eine Wiederholung von Cordoba nicht ausgeschlossen werden. Nun vor dem ersten Spiel scheint die Formkrise des wichtigsten Spielers einem großen Erfolg im Wege zu stehen. David Alaba dürfte man ohne zu zögern in die Weltklasse einordnen, wenn sich da nicht 2016 Konzentrationsschwächen und Ungenauigkeiten in sein Spiel eingeschlichen hätten. Das Eigentor in einem Vorbereitungsspiel ist nur das deutlich sichtbare Zeichen dieser negativen Entwicklung. Alaba ist von zentraler Bedeutung, doch mit Christian Fuchs hat das Team auch einen frisch gebackenen englischen Meister, dessen brandgefährliche Flanken heute im Weltfußball eine Seltenheit sind. Trainer Koller hielt auch stets an Magister Astronautovic fest, der sich schon lange für den österreichischen Ibrahimovic hält, dem für diese Rolle allerdings das Hirn fehlt. Der Wiener mit der landestypischen Idiolalie spielte in der englischen Premierleague nun endlich eine sehr gute Saison. Dreiviertel des rot-weiß-roten Teams spielt in Deutschland. Sicherlich ein Vorteil um sich vom Charme der Ferserl und Gurkerl zu befreien und endlich eine Rolle im europäischen Fußball zu spielen, die über den Schmäh hinausgeht.

Portugal

Charme und Schmäh sind wohl die letzten Begriffe, die man mit Portugal verbinden würde. Fado genügt sich selbst. Wenn Portugal gut spielt, dann ist das nicht unbedingt charmant, aber im besten Falle ein ästhetischer Genuss, nimmt man die skrupellosen Innenverteidiger aus. Portugal steht mal wieder vor der letzten Chance einer angeblich goldenen Generation. Diese Generation hat allerdings nur viel versprochen und bislang fast nichts davon gehalten. Wenn Spieler wie Ricardo Carvalho abgetreten sind, wird sich daran nichts geändert haben, aber die nächste Generation verspricht auch schon viel. Mittler zwischen den Generationen ist wohl auch teamintern Christiano Ronaldo. Über das Können der Werbeikone muss man sich nicht weiter äußern, das kennen auch Laien. Leider, wirklich sehr bedauerlich ist, dass Christiano Ronaldo sich inzwischen das Erscheinungsbild eines Wrestlers zugelegt hat. Die Grenze zur selbstverliebten Peinlichkeit wird immer häufiger überschritten. Jedes kleine Aua wird wie im Wrestlingring zu einer Tragödie stilisiert, (fast)jedes Tor zu einer Heldenliturgie gemacht. Leider scheint Ronaldo dabei immer seltener zu wirklichen Triumphen fähig zu sein. Der angeschlagene Superstar war mit Abstand der schlechteste Spieler beim Championsleaguefinale. Doch eine Auswechslung kam wohl auch auf Druck der Werbepartner nicht in Frage. Dass er letztendlich den entscheidenden Elfmeter verwandelte, war das gute Ende einer Wanderung auf ganz schmalem Grad und wurde auch von Fans des Spielers nicht mehr unkritisch aufgenommen. Portugal kann nicht ohne Ronaldo, die Wahrscheinlichkeit, dass es das Team mit Ronaldo schafft, Nennenswertes zu erreichen, scheint geringer zu werden.

Ungarn

Ungarn hatte immer wieder große Fußballer. Man muss nicht bis in die Fünfzigerjahre zurückschauen, um fantastische Spieler zu finden. Nie war jedoch eine ungarische Nationalmannschaft so talentfrei wie diese. Wohl nie allerdings haben magyarische Fußballer so hart gearbeitet, wie unter dem teutschen Trainer Storck. Wer in Deutschland einen ungarischen Fußballer nennen soll, der denkt bei der Frage gar nicht an Spieler der Gegenwart, es sei den an die graue Schlabberhose des Torhüters Gabor Kiraly, der alt genug ist, um noch einen großen ungarischen Spieler gesehen zu haben.
Was an Ungarn aber widerlich aufstößt, ist die servile Verbeugung fast aller Beteiligten rund um den Fußball vor dem zumindest autoritären Ministerpräsident, der ja angeblich so viel für den Fußball getan habe. Es ist ohnehin nie gut, wenn man irgendeinem Staatsoberhaupt für die Verdienste um den Sport danken muss, doch ganz ehrlich selbst Lothar Matthäus hat mehr Verdienste an dem seichten Aufschwung des ungarischen Fußballs. Es ist skandalös, dass die Aushöhlung des Rechtsstaats in Ungarn bis heute nicht von der EU bestraft wurde. Wenn die Europameisterschaft eine Meisterschaft der EU wäre, würde ich für den sofortigen Ausschluss Ungarns aufrufen. Fette Stehgeiger und Gulasch, billige Zahnmedizin und Donauromantik können nicht den Antisemitismus, die unmenschliche Minderheitenpolitik verdecken. Ich kenne nur wirklich aufgeschlossene, interessierte, weltoffene und empathische Ungarn, mir fehlt jede Empathie für den ungarischen Staat oder auch die Nationalmannschaft, die wenn sie nicht in der schwächsten Qualigruppe gewesen wäre und nicht viel zu viele Teilnehmer bei der EM-Endrunde dabei wären, niemals eine Chance auf eine EM gehabt hätte. Sorry ungarische Freunde, aber das Team ist in jeder Hinsicht bei dieser EM überflüssig!

kommen wir zuletzt noch zu etwas Erfreulichem:

Island

Island ist ganz sicher nicht zufällig bei der Europameisterschaft dabei. Die Qualifikation der Wikinger wäre auch ohne die Erweiterung der EM keine Überraschung gewesen.
Doch wie kommt es, dass aus den knapp 350000 Vulkanbewohnern am nördlichen Ende der Welt ein Team entstehen kann, dass in der Weltrangliste nur knapp hinter dem Riesenreich Russland steht. Nun: Am Anfang war das Feuer, davon gab es jede Menge und es formierte eine Insel, die vor nur knapp mehr als tausend Jahren endgültig besiedelt wurde. Es gab heiße Quellen, es gab Trolle, es gab köstliche Papageientaucher, doch irgendetwas fehlte: Ein Ball. Die blonden, großen Sons und Dottirs nahmen also den Ball, warfen ihn sich zu und wurden zu Handballern. Da man auf Island sehr sozial ist, anders wäre das Überleben auch nicht möglich, ließ man auch Nachbarn mitspielen, die zu untalentiert waren, den Ball zu fangen. Diese traten mit dem Fuß nach dem runden Objekt. Der isländische Fußball war geboren. Fischer, die sich nach Brittanien verirrt hatten, brachten schließlich den Eindruck mit, dass dieser Fußball nichts unnatürliches sei, doch erzählten sie eine Saga, die sehr unglaubwürdig wirken musste. Dieser Sport sollte auf Rasen betrieben werden. Ra-sen, was mochte das wohl sein? Gab es zwischen den Heimen von Trollen überhaupt genug Platz für eine solch ungeheure Verrücktheit? Man fragte die Götter, man beriet im Althing und kam bald zu dem Schluss, es zu versuchen. Und wenn der Isländer etwas macht, macht er es richtig. Irrtümer, wie im ständigen Dunkel Fußball zu spielen, wurden beseitigt und schon bald, in unserer Zeitrechnung vor etwa einem Jahrzehnt, wurden Hallen für den Fußballsport gebaut. Seitdem geht es mit dem Fußball ständig bergauf, Talente werden gut gefördert, bis sie die Insel verlassen, sammeln oft zunächst in Dänemark und Norwegen erste Erfahrungen, lernen dabei, verbessern sich und so schafft es Island seit einiger Zeit europäisch konkurrenzfähig zu sein, auch da man bei den Trainern immer wieder richtig lag. Die jetzige Nationalmannschaft unter dem erfahrenen Schweden Lars Lagerbäck und dem Einheimischen Helmir Hallgrimsson ist die beste, die Island bislang hervorbrachte. Ein Problem ist, dass es bei der recht geringen Auswahl sicherlich keine 23 Spieler gibt, die das Niveau für eine EM haben. Der Mannschaftsgeist ist jedoch famos. Jeder Spieler hat seine Rolle und das sieht man auch auf dem Feld. Island hat eine ganz genaue Spielidee, die allen anderen Teams Schwierigkeiten bereiten kann. Birkir Bjarnason ist dabei der wichtigste Spieler, der einen Ball lange genug halten kann, bis andere Spieler in die geplante Position gebracht werden. Kolbeinn Sigthorsson und Alfred Finnbogason sind die gefährlichen Angreifer, die dann gesucht werden und mit Thor´s Hammer Gylfi Sigurdsson steht ein ausgezeichneter Spezialist für Standards im Team, der selbst auf Grund seines Hammerschusses extrem torgefährlich ist. Viel darf den wichtigsten Spielern nicht passieren, nichts ist Pflicht und wenn diese Lockerheit auch bei diesem Großereignis erhalten bleibt, so muss für Island nach drei Spielen noch lange nicht Schluss sein. Fragt nur die Holländer, die Island in der Qualifikation in fast jeder Hinsicht unterlegen waren.
Nachtrag: Es gibt ja doch die eine oder andere Pussi, die nach dem geringsten Foul bereits das Leiden Christi am Kreuze nachahmt. Diesmal gibt auch eine Sissi, eigentlich Sisi. Österreichs rechter Verteidiger György Garics möchte bei Österreich-Ungarn beide Hymnen mitsingen. Da möchte man glatt die Stephanskrone davor ziehen.