Marseille war schon immer eine Hauptstadt des Verbrechens. Das heißt nicht, dass man mit gewissen Engländern, Russen und Einheimischen Verständnis haben sollte. Ab ins Chateau d`If!

Spanien

Spanien ist noch immer Europameister und das schon ganz schön lange. Spanische Vereine gewinnen alle Europacups und das schon ganz schön lange. Kein Grund also Spanien nicht zu den Favoriten auch dieser Europameisterschaft zu zählen. Alleine aus den Spielern, die nicht im EM-Kader stehen, könnte ein talentierter Motivator eine Mannschaft formen, die Favorit für den Titel wäre. Caramba, warum fällt es dennoch so schwer zu glauben, dass Spanien seinen Titel verteidigt? Warum nur umweht die Seleccion die Melodie eines tragischen Flamencos? Eine zu einfache Erklärung wäre das WM-Aus in der Vorrunde. Eher könnte man anführen, dass der Umbruch noch nicht gelungen ist und damit ist nicht der Umbruch zur talentierten Jugend gemeint. Der 35-jährige Aritz Aduriz gehört durch seine Spielweise und seine extreme Motivation ja eher zu den Hoffnungsträgern. Nein, es ist wie in der spanischen Politik ein Grad der Sättigung zwischen den beiden Großen erreicht. Das Verhältnis von Real und Barca ist fast schon zu friedlich geworden. Die erstaunliche Titelsammlung des Nationalteams hatte gerade die Spannung der Spieler aus den Classicos als Ursache. Der Zusammenhalt der Meistermannschaften von 2008 bis 2012 wurde in der Vorbereitung mühevoll erreicht und entsprang einer Wagenburgmentalität gegenüber den Barca und den Real- treuen Medien in Spanien. Adelante! Vorwärts! Durch all die Widerstände. Diese Einstellung ist den Spaniern abhanden gekommen. Es kann ja keine Diskussion darüber aufkommen, dass Spanien noch immer die wahrscheinlich dominanteste Mannschaft ist. Doch immer seltener bringen die Spieler die Dominanz auch bis vors gegnerische Tor. Es muss zum Auftakt gegen Tschechien dringend ein überzeugender Sieg her, dann kann Vicente del Bosque in seinem letzten Turnier als Trainer vielleicht noch einmal die Stimmung für einen Titel aufbauen. Die Hoffnung auf einen letzten Aufgalopp der erdrückenden Passfolgen ist vorhanden. Eine Melancholie schwingt dabei mit, da diese Spielkunst wohl zum letzten Mal zu sehen sein wird.

Türkei

Die Infantilisierung des türkischen Staates unter dem vermutlich peinlichsten Staatschef Europas in diesem Jahrhundert (und das heißt schon was) hat auch den türkischen Fußball erwischt. Wie schön war es, dass sich die begabten Talente eines Staates, der eine große Zukunft auch in Europa vor sich hatte, vor einiger Zeit aufmachten, um mit einem modernen türkischen Fußball eine moderne Türkei zu vertreten. Doch wie schrecklich wird nun alles auf ein weitvorpubertäres Niveau runtergezogen. „Der hat angefangen!“ ist das gleichgeschaltete Mantra der Türkei unter Erdogan. Leider findet sich keine Problem-Nanny die Klein-Recep auch mal mit den Mitteln der frühkindlichen Diagnostik zu sozialem Verhalten zwingt. Nein, nichts und niemand stellt sich den verzogenen Bengeln in den Weg und so breitet sich das Recht des Stärkeren aus oder desjenigen der auf dem Pausenhof die meisten Getreuen um sich scharen kann. Auch im sozialen Verhalten von adoleszenten Auslandstürken ist diese Entwicklung immer häufiger zu beobachten. Wer Eric Cartman aus der Serie Southpark kennt, der kann sicher etwas darunter vorstellen. Für den Fußball ist das auch ein Problem. Während die durch und durch korrupte Süperlig bis vor Kurzem boomte und die Gewalt auf und Abseits des Feldes stark zurückging, ist das Gehabe der Offiziellen, der Fans und der Spieler wieder völlig infantil geworden. Schüsse auf Mannschaftsbusse, Platzstürme, Spielabbrüche gehören wieder zum Alltag, genau wie die Benachteiligung der Provinz, die von der Leitung des Verbandes gedeckt wird. Die Nationalmannschaft schwang sich aus dem Mittelmaß hervor, als Talente aus ganz Europa, aber eben auf Grund der reinen Masse vor allem aus Deutschland eingebürgert wurden. Mit diesen Profis kam auch eine erwachsene Fußballkultur ins Land, die von einer Türkei, die noch berechtigte europäische Ambitionen hatte gerne angenommen wurde. Der Skandal um den Kölner Gökhan Töre, der im Trainingslager der Nationalmannschaft mit einer Pistole andere bedrohte, ist das deutlichste Zeichen dafür, wohin es mit der Kultur gekommen ist. Das kleinkindliche Verhalten mit Mitteln eines Erwachsenen wurde allerdings vom Verband nicht geahndet; Töre wurde munter weiter nominiert.
Dass die türkische Nationalmannschaft nun dabei ist, hat sie einem zwischenzeitlichen Burgfrieden zu verdanken, da „freiwillig“ auf Töre verzichtet wurde. Damit stand wenigstens am Ende der Qualifikation wieder eine Team auf dem Platz. Dieses hatte in den entscheidenden Spielen dann auch das nötige Glück mit Schiedsrichterentscheidungen, um sich als „bester“ Gruppendritter für Frankreich zu qualifizieren. Was bei der Endrunde passieren wird, wenn die Entscheidungen mal nicht für die Türkei ausfallen sollten, dafür kann niemand garantieren. Irgendjemanden wird die kindische Kaiserin in ihrem Lego-Palast wohl womöglich verklagen. Wenn der Erfolg der türkischen Nationalmannschaft nur den Untergang Erdogans bedeuten würde, so wüsste jeder, der die Türkei nicht hasst, wen er anzufeuern hätte.

Kroatien

Kroatien geht einen anderen Weg als die Türkei. Wo früher der Einsatz des Rachedolchersatzes, des Ellbogens quasi zur Folklore des kroatischen Spiels gehörte, spielen die Schachgroßmeister heute mit Vernunft. Heimlich, still und leise wie ihr großer Stratege Luka Modric ist wenigstens die kroatische Nationalmannschaft in der Moderne angekommen. Aggressivität auf dem Feld bleibt größtenteils in einem sogar für die Gegner gesunden Rahmen. Deswegen sollte man die Krawatten keineswegs unterschätzen. Es sind wahrlich genug Kicker dabei, die jeder anderen Mannschaft auch gut zu Gesicht stehen würden. Wenn schon einige der größten Favoriten heute Geheimfavoriten genannt werden, wird Platz für Favoriten, die so geheim sind, dass sie von wirklich kaum jemand überhaupt erwähnt werden. Wer Sliwowitz nicht mag, dem sei jedenfalls kein Trinkspiel rund um den Erfolg der Kroaten empfohlen werden. Wer Sliwo und große Mengen Fleisch mag, dem sei die Kontaktaufnahme zu Freunden aus allen Županija wärmstens empfohlen. Kroatische Fußballer haben in den Topligen Europas inzwischen gelernt, was Ernährung ist. Eine solche Orthorexie ist den Fans glücklicherweise vollständig unbekannt.

Tschechien

Es sind nicht nur die Knedliky oder das gute Bier, das Tschechien grundsätzlich sympathisch macht. Tschechien hat viel Schönes zu bieten. Hallo, Dummdeutsche, nein sogar noch mehr als Chrystal Meth und Straßenstrich! Man kann sich auch ohne zweifelhafte Vergnügen in Tschechien vergnügen, auch außerhalb von Prag. Selten so viele herzliche Menschen getroffen, wie Tschechen, denen es absolut egal ist, wenn ein Gespräch keine gemeinsame Sprachgrundlage besitzt, denn irgendwie funktioniert es schon.
Auch der tschechische Fußball brachte immer wieder sympathische Typen hervor. Viele konnten sogar richtig gut mit dem Ball umgehen. Tomas Rosicky ist noch ein Vertreter dieser Sorte, doch er kann heute eher selten mit dem Ball umgehen, da die Zeit seiner Verletzungspausen seit Jahren größer ist als Phasen von Fitness. Ein schlechtes Zeichen leider, wenn der Altmeister dennoch im Kader steht, denn niemand schaffte es in den letzten Jahren Rosicky annähernd zu ersetzen. Immer wieder kommen in Böhmen talentierte Fußballer auf, doch keiner hat es nach Rosicky geschafft, sich dauerhaft in einer großen Liga durchzusetzen. Viele etwa gleich gute Spieler in einer Mannschaft sind aber kein gutes Gefüge, da jederzeit Verantwortung weitergegeben werden kann und Genügsamkeit sich mit Neid paart. Auch bekennende Tschechienfans können deswegen keine großen Hoffnungen für die EM haben, wenn da nicht doch noch Gruppendritte ins Achtelfinale einziehen würden. Doch auf Cech darf der Tschech hoffen. Nach Jahren der Stagnation gehört Cech Guevara inzwischen wieder zu dem erlesenen Kreis derer, über die man diskutieren darf, wenn es um den weltbesten Torhüter geht. Dwa Pivo würde ich auf Tschechien nicht wetten, doch gerne während der Spiele der interessanten Gruppe D trinken.