Die EM ist eröffnet. Nach dem Eröffnungsspiel der Gastgeber muss man schon jetzt feststellen. Die Stimmung kann nur besser werden. Selbst in der nordamerikanischen Profiliga MLS gibt es deutlich mehr Fußballstimmung als die 80000 Fans im Stade de France produzierten. Chöre von Trappistenmönchen sind lauter als es die französischen Fans waren. Peinlich, peinlich!

Gruppe C

Deutschland

Die Welt ist nicht genug. Und so nimmt Deutschland, einem Erzschurken gleich, auch noch an der Europameisterschaft teil und will so hört man, auch dieses Turnier gewinnen. Man kann auch dieser Information gute wie schlechte Seiten abgewinnen. Die Gute ist, dass nicht Deutschland teilnimmt, sondern 23 Fußballspieler, die mehr als die allermeisten anderen Teams das Potential zu großartigem Fußball haben. Die schlechte Nachricht ist, dass etwa 80 Millionen andere Deutsche, die noch immer „Wir sind Weltmeister“ tönen, dabei einerseits eine seltsamen Auffassung von „wir“ haben und zum anderen absolut jeden Fußball für den Erfolg akzeptieren, vor allem wenn dieser von alteingesessenen „Helden“ gespielt wird, egal in welchem Zustand sich diese befinden. Kommen wir also zu dem „wir“. Dazu muss man etwas ausholen. Es war das schöne Wetter, es waren die vielen bunten Fans aller Länder, die 2006 einem „wir“, wie es nun gebraucht wird, als Korrektiv dienten. Man erfreute sich an der Stimmung und das Wir-Gefühl beschränkte sich nicht nur auf ein paar schwarz-rot-goldene Streifen im Gesicht, da auch andere Farben zur Stimmung beitrugen. 2014 blieben die Deutschen bei ihrem WM-Triumph weitgehend unter sich. Schwarz-Rot-Gold blieb das einzige bunt und so hatte das „wir“ bald die eindeutige Konotation „ihr gehört nicht dazu“. Wohin das führte, kann man an der dummdreisten Art, mit der die AfD Wähler mobilisieren kann, sehen. Sicher darf man sagen, dass der WM-Titel 2014 verdient war, doch es darf dabei nicht unerwähnt bleiben, dass Spiele wie gegen Algerien und gerade gegen Frankreich so unerträglich langweilig und schlecht waren, dass derjenige, der nicht nur während der WM und am besten in deutschen Farben gekleidete Fußballanfänger gerne Fußball sieht, dem deutschen Team das Ausscheiden gewünscht hat, da der Konsum dieser 210 Minuten nicht als dreieinhalb Stunden Zeitverschwendung war. Welch Grund sollte man haben, jemand anzufeuern, der einem die Zeit stiehlt? Man feuert ja auch die Deutsche Bahn nicht an.
Die Spiele seit der WM sollten nicht besonders ernst genommen werden. Gerade die Niederlage in Polen war ein großartiges Spiel der deutschen Mannschaft, in dem alleine genug Torchancen erspielt wurden, um drei Mal Europameister zu werden. Eine solche absurde Menge an Torchancen nicht zu nutzen, zieht sich allerdings durch die letzten zwei Jahre. Es fehlte Konzentration und Konsequenz. In der Vorbereitung auf Frankreich muss nun beantwortet werden, wie man diese wichtigen Tugenden für ein Turnier wiederhervorkitzeln kann.
Eine Aufgabe für diese das gesamte Trainerteam nicht zu beneiden ist. Cheftrainer Löw kündigte nach dem WM-Titel an, dass man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen wolle und in den zwei Jahren bis zur EM Neues entwickeln wolle. Prinzipiell genau der richtige Ansatz, denn wer stehenbleibt, der wird von anderen überholt. Ein paar Versuche mit Dreierkette folgten auch, dem Mangel an Außenverteidigern geschuldet, doch viel mehr Neues ward nicht gesehen. Wenn man den EM-Kader nun ansieht, so muss der eigene Ansatz des Bundestrainers als gescheitert betrachtet werden. Mit der Nummer 7 wird wieder auf das selbe Gammelfleisch gesetzt, das dem deutschen Team schon bei der letzten EM den Titel kostete, einen Spieler der, obgleich nie mehr als Mitläufer, als unverzichtbar erklärt wird, obwohl in absolut keiner Hinsicht jemals erklärt wurde, warum man auf diesen Spieler nicht verzichten kann. Alle Teams, die auf ihn verzichteten wurden dadurch besser. Bayern München spielte befreit auf und Manchester United erhob sich aus dem Mittelmaß, erreichte beinahe noch einen Championsleagueplatz und gewann den englischen Cup. Der Zustand des nie anwesenden Kapitäns erwies sich nach 20 Minuten eines lustlosen Vorbereitungsspiels bar jeder Intensität als erbärmlich. Nach ein paar belanglosen Quer-und Rückpässen stützte sich der Spieler sofort stark nach Luft ringend auf den eigen Knien ab, wie ein 50-jähriger, der gerade bei Kilometer 35 aus einem Marathonlauf aussteigt. Dazu scheint er sich weitgehend von dem Produkt eines seiner Werbepartner ernährt haben. Selbst inoffizielle Zentralorgane des Kapitäns beschrieben ausführlich sein Übergewicht. Und übersatt hat man es, alle zwei Jahre über das selbe Problem zu reden.
Natürlich darf auch Lukas Podolski nicht fehlen. Kann sich irgendjemand noch an mehr als fünf gute Minuten des Gute-Laune-Nuschlers im Nationalmannschaftstrikot erinnern? Sicher nicht, wenn der Gegner besser war als San Marino. In der Türkei war Podolski zwar der einzige Lichtblick einer desaströs schwachen Saison Galatasarays, doch muss man einen Einäugigen unter den Blinden wirklich in den EM-Kader berufen, wenn man etwas Neues entwickeln möchte? Vielleicht ist das Geld der Sponsoren, die mit Schweinsteiger und Podolski unablässig werben, ja nötig, um etwas Neues aufzubauen. Das wäre im wahrsten Sinne ein Armutszeugnis für den deutschen Fußball!
Kaum steht das Turnier dann knapp bevor, wird das DFB-Team auch noch von der größten denkbaren Katastrophe heimgesucht: Antonio Rüdiger fällt aus. Ein Spieler mit dem Bewegungstalent der Cheopspyramide, der noch nie ein einziges gutes Spiel auf Profiniveau gemacht hat und bei dem man sich fragt, ob er auf einem Auge blind ist, da ihm das räumliche Sehen vollständig fehlen zu scheint. Ich kann mich allerdings erinnern, dass Wilfried Hannes, der tatsächlich auf einem Auge blind war, gelegentlich einen hohen Ball gezielt mit dem Kopf erwischte. Rätsel über Rätsel. Möchten die Mächte des Schicksals den schlechten Geschmack des Bundestrainers ausgleichen, weil sie das Alemannisch der Kaderverkündung nicht verstanden?
Bei aller berechtigten Kritik am Kader sollte man nicht übersehen, dass der metrosexuelle Schwarzwälder es geschafft hat, dass die deutsche Mannschaft von der gesamten Spielanlage vermutlich das attraktivste Team der Welt ist. Dafür gebührt dem Bundestrainer der höchste Respekt!
So darf man hoffen: Hoffen auf nahezu anarchische Kombinationen, auf Inspiration des Unsichtbaren, vielleicht darauf, dass im Strafraum jemand (von mir aus wundgelegen) Präsenz zeigt und geil darauf ist, den Ball möglichst häufig ins Netz zu versenken. Hoffen auf den Fußball der möglich ist und nicht auf den Fußball, der einen Titel verspricht. Erfolg muss nicht in Titeln gemessen werden. Diese führen im schlimmsten Falle zum größtmöglichen Misserfolg, zu „Deutschland über alles“

Ukraine

Es gibt in der Ukraine sicherlich ein paar Themen, die wichtiger sind als Fußball. Wenn das nicht so wäre, hätte die Mannschaft wohl kaum den Umweg über die Play-Offs nehmen müssen. Schon zu Zeiten der UdSSR kamen fast alle großen Spieler und auch der wichtigste Trainer aus der Ukraine. Rund um Kiew wachsen auch heute noch viele talentierte Spieler auf, die noch dazu eine gute Ausbildung bekommen. So langsam sieht es so aus, als würde sich die Ukraine zumindest im Fußball wieder darauf besinnen, was sie ist, anstatt sich darauf zu konzentrieren, was sie nicht ist. Die EM vor vier Jahren schien eher schädlich. Wer sich darüber definiert, bloß kein Russe oder Pole zu sein, der vergisst die eigenen Wurzeln. Gruppenauslosungen können schon wirre Arschlöcher sein. Die Ukraine trifft nun ausgerechnet auf den Co-Gastgeber des letzten Turniers, Polen. Da heißt es erst recht, die Talente zu nutzen, die das Team zu bieten hat. Die Außenstürmer Yarmolenko und Konoplyanka können für eine ordentliche Geschwindigkeit im Spiel sorgen, da diese auch Mitspieler haben, die das spielerische Vermögen haben, die beiden mit sauberen Pässen einzusetzen. Es sind aber nicht die einzigen, die gut kicken können. Es ist wäre dumm, ist aber leider zu befürchten, dass man nicht auf die offensive Karte setzt, denn das Tor des ukrainischen Teams muss besonders geschützt werden. Sämtliche Hüter des Tores, sind mit dem Wort Sicherheitsrisiko nur euphemistisch beschrieben. Sie dürften ihre Ausbildung in den Sümpfen des Dnjepr genossen haben, wo sie es lernten Mücken oder Fliegen zu fangen, doch Fußbälle weit weg waren. Sucht man unter „Torwartfehler und Pyatov“, so kann es nur der Schreibweise der Nummer Eins im Tor geschuldet sein, wenn man nicht stundenlanges Videomaterial findet. Filmchen, die vor allem zeigen, wie weit man an einem Ball vorbeigreifen kann, wenn man die schnellen Drehungen und Wendungen von Mücken gewohnt ist.

Polen

Auch den Polen tat es nicht gut, Gastgeber der letzten EM gewesen zu sein. Da trat ein Team auf, bräsig und dröge wie ein Schwarzarbeiter auf dem neuen Berliner Flughafen. Auch Beutepolen brachten keinerlei Inspiration ins rot-weiße Team. Erst seitdem gibt es Entwicklungen, die nicht auf bloße Korruption zurückzuführen sind. Während in der Ekstraklasa, wie die erste polnische Liga, in Umkehr jeder Tatsache genannt wird, inzwischen auf Dorfplätzen gespielt wird, (Der von Termalica Bruk-Bet Nieciecza KS soll hochgerechnet 2000 Zuschauern Platz bieten und ist damit größer als jedes Dorf der Umgebung) wechselten die wenigen polnischen Fußballer, die diesen Namen zurecht tragen, ins Ausland, wo sie sich teilweise prächtig entwickelten. Das Team besteht nicht mehr nur aus notorischen Kuttenbrunsern, die auf Grund ihrer jahrelangen Mangelernährung so aussehen wie ihr Hauptnahrungsmittel, Kartoffeln, sondern besitzt über den Weltklassemittelstürmer Robert Lewandowski hinaus Spieler, die im Ausland reüssieren. Das gibt dem polnischen Team ein gewisses Selbstbewusstsein, gerade nach dem Sieg über Weltmeister Deutschland, auch wenn er noch so glücklich zustande gekommen war. Für Trainer Nawalka geht es nun darum, einerseits dieses Selbstbewusstsein zu pflegen und damit für eine gewisse Begeisterung für den Erfolg zu sorgen, andererseits einigen Spielern Demut zu vermitteln, den Respekt vor der Arbeit, die notwendig ist, die Stärken Lewandowskis auch nutzen zu können. Wie dieser Spagat gelingt, wird darüber entscheiden, ob die Polen mehr als nur drei Spiele haben werden. Wer allerdings den besten Mittelstürmer der Europameisterschaft in seinen Reihen hat, dem kann auch mehr zugetraut werden.

Nordirland

Nordirland bei der EM ist eigentlich ein Witz. In der bei weiten leichtesten Qualifikationsgruppe, in der Griechenland völlig versagte und beide Spiele gegen die Schafhirten von den Färöer-Inseln verlor, musste sich aber auch jemand für die Endrunde qualifizieren. Doch da sich die Nordiren nunmal durchgesetzt haben, werden sie auch das Beste daraus machen und ungeachtet der Qualität der einzelnen Spieler ein Team auf den Platz bringen, das für alle Gruppengegner richtig unangenehm wird, ein Team, das sich zunächst sehr bewusst ist, dass jedes Spiel mit einem Unentschieden losgeht und damit der Gegner erst einmal zeigen muss, dass er besser ist.
Viel mehr ist zur nordirischen Mannschaft von heute leider nicht zu sagen. Lohnenswerter ist eindeutig der Blick in die Geschichte. Nordirland brachte den wohl besten Spieler hervor, der sich nie für ein großes Turnier qualifizieren konnte. George Best. Wer sich heute Videos Europas Fußballer des Jahres von 1968 ansieht, der kann die Wirkung von Best nur ahnen. In einer Zeit, in der ein Fußballer, sofern er nicht Brasilianer war, in allererster Linie kräftig sein musste, war Best vor allem schnellkräftig und blitzschnell in seinen Handlungen. Erst Lionel Messi kam dem Stil des Lebemanns nahe. Zu seiner Beerdigung kamen mehr Menschen als jede britische Mannschaft je auf den Kontinent locken konnte. Best war Pop-Star und Rock-Star, trank mehr als seine Fans und hatte wohl auch mehr Frauen als jeder Fan. „I spent a lot of money on booze, birds and fast cars – the rest I just squandered.“, ist einer der berühmtesten Sätze geworden, die je ein Fußballer von sich gab. Nordirland hatte Best, war schon better, hoffentlich sind sie 2016 wenigstens good.