Seit jeher versucht die Philosophie die Wahrheit durch Ordnung zu finden. Kein Wunder also, dass Mathematik und Philosophie in der Antike kaum zu trennen waren. Die Vertreter beider Fakultäten vermaßen, ordneten und erklärten die Welt, fanden und verwarfen und erklärten den Rest schließlich zu göttlichem Schicksal.
Auch die Abschlusstabelle einer Fußballsaison lügt nicht, sie ist zumindest eine knappe Annäherung an die Wahrheit der Leistungen einer Saison. Viel eher jedenfalls als die Siegerfotos von Pokalwettbewerben, in denen das Göttliche, heute eher Schicksal, oder Zufall genannt, eine viel größere Rolle spielt. Pokalwettbewerbe sehen nicht unbedingt die besten Teams im Finale und dieses muss auch nicht von den besseren Mannschaften gewonnen werden. In Schottland standen sich zwei Zweitligisten gegenüber, die in der Liga um den Aufstieg kämpften. Das Finale gewannen zum ersten Mal seit der Fußballantike die Hibernians aus Edinburgh gegen den letztlichen Aufsteiger, die Rangers aus Glasgow. In der Schweiz standen sich im Finale Mannschaften gegenüber, die noch wenige Tage davor um den Ligaverbleib kämpften. Hier gewann der Absteiger. Das Finale der Championsleague bestritten sicher nicht die besten Teams Europas, da der Zufall in verschiedenen Formen zu verschiedenen Zeiten einen Pokalbewerb in der Hand hat. Mal war es eines der ausführenden Organe des Zufalls, oder sollte man sie die Söldner des Göttlichen, der Fußballverbände nennen, ein Schiedsrichter, mal ein um Millimeter falscher Drall eines Balles in der Millisekunde, da er eine der Latten des Tores traf, mal eine unerklärliche Semana horribile, die sich eine Mannschaft wie Barca nur einmal pro Jahrhundert leistet. Und so verwundert es nicht, dass das Finale Madrileno eine größtenteils eher bräsige Veranstaltung war, der fast jeder Zauber eines solchen Endspieles fehlte. Das Ende im Elfmeterschießen war nur zwangsläufig. Ausgerechnet der schwächste aller Spieler auf dem Feld verwandelte den entscheidenden Elfer.
In den Abschlusstabellen der Ligen Europas findet man jedenfalls überall eine sehr genaue Abbildung der Leistungen der Beteiligten. Die Wahrheit ist, dass Paris St. Germain, Leicester City, Barca und Juve zurecht ihre Ligen gewannen, obwohl ein Satz ohne Verneinung, in dem die Wörter Wahrheit und Juventus stehen eigentlich unvereinbar sind. (Ist der Eindruck, dass Juve nicht mehr derartig schlimm ist, eigentlich eine Form von Altersmilde?) Momentmalbittewie wird der eine oder andere noch immer fragen, wie? wo? warum? Leicester? Ja, Leicester City! Dass es sich gerade in der milliardenverschlingenden englischen Premier League ergab, dass sich aus einem Fastabsteiger der sensationellste Meister Europas, zumindest der jüngeren Geschichte, entwickelte, ist auch ohne missverstandene Fußballromantik ein wundervoller Traum. Wie in einem genialen Orchester, wie in einem genialen Ensemble, also wenn man in England bleiben möchte, beispielsweise wie bei den Beatles, entwickelte sich aus einzelnen Teilen ein Gebilde, das viel stärker war als jedes einzelne Teil. Wer selbst einmal erlebt hat, wie auf diese Art ein Team entsteht, das sich vor nichts mehr fürchtet, das sich für einander einsetzt, das gut gelaunt immer besser wird, der musste die Gänsehaut wohl noch Tage nach dem historischen Montag mit Peeling und der Schleifmaschine entfernen. Doch Leicester ist nicht zufällig Meister. Die wirtschaftlich Größten, die prominentesten Namen der Liga, machten überdurchschnittlich viele Fehler und konzentrierten sich auf ihresgleichen, während Leicester nur auf sich selbst achtete und dabei einfach geil auf Erfolg war.
Das Leicester City in Deutschland sind wohl die Würzburger Kickers. Auf sehr änhliche Art wie Claudio Ranieri in den East Midlands schaffte der einheimische Metzgersohn Bernd Hollerbach, ein unterfränkisches Fußballwunder zu erschaffen und von der Bayernliga in die 2.Liga zu marschieren. Angesichts der Leistungen, die in der vergangenen Saison in der 2.Liga gezeigt wurden, werden die Kickers dort auch nicht chancenlos sein. Freiburg und Leipzig waren wirklich die einzigen Mannschaften, die den Aufstieg in die Bundesliga verdient hatten. Ab Tabellenplatz drei unterschied sich die Leistung kaum. Auch die Absteiger waren nicht viel schlechter als Nürnberg, machten dabei nur im entscheidenden Moment mehr Fehler. (Wie kann man nur als Feuerwehrmann Falko Götz verpflichten?) Als beste zweite Liga Europas gepriesen und beworben, war die Saison nur enttäuschend und der Boom mit mehr als 30000 Zuschauern im Schnitt am letzten Spieltag ist durchaus in Gefahr.
Auch wenn aus der Bundesliga zwei Teams, die man durchaus als Zuschauermagneten bezeichen kann, dazukommen. Wenn nun eine Bilanz der Bundesligavereine gezogen wird, so lohnt sich sicherlich ein Blick in die Saisonprognose und auch in die Halbzeitbilanz, in denen eigentlich alles schon gesagt wurde.

Hannover 96

Es war kein Pech. Es waren auf allen Ebenen die falschen Protagonisten am falschen Ort und jeweils im falschen Moment. Auch wenn sicherlich individuelles Talent im Kader von Hannover 96 steckte, so fehlte es an Geduld und auch an Kompetenz daraus eine konkurrenzfähige Mannschaft zu machen. Auch sämtliche Änderungen, die im Laufe der Saison vollzogen wurden, waren alles nur taumelnde Schritte mit verbundenen Augen, die letztlich zu einem wohlverdienten Absturz führten.

VfB Stuttgart

Was für ein Tag, der 14. Mai 2016. Die Stuttgarter Kickers, die zweite Mannschaft des VfB und kurz danach die einst ruhmreiche Mannschaft des VfB Stuttgart stiegen alle an einem Tag ab. Seit der Einschleppung des Spätzlekäfers der schlimmste Tag in dem schwäbischen Haufendorf am Neckar. Betrachtet man den zwischenzeitlichen Aufschwung unter Trainer Kramny, so könnte man denken, der Abstieg sei Pech gewesen. Doch wie eingangs erwähnt, die Tabelle lügt nicht. 75 Gegentore können durch Pech nicht erklärt werden, sondern sind das Ergebnis jahrelanger Misswirtschaft, die teilweise als Kompromiss gegenüber den lautstärksten Fans der Cannstadter Kurve geführt wurde. Kompromisse gegenüber lautstarken, besorgten Bürgern auf der Straße sind allerdings von jeher eine armselige Politik, die mit dem Abstieg enden muss.

Eintracht Frankfurt

Vieles, was man über Stuttgart schreiben musste, könnte man nun über Frankfurt wiederholen, doch der mangelnden Qualität der 2.Liga geschuldet, folgte die Eintracht über die Relegation nicht dem Lokalrivalen mit dem Abstieg. Es ist ja nicht so, dass die Eintracht den Abstieg nicht verdient hatte, doch was soll´s, die Chance kommt ja wieder. Die immer wieder an dieser Stelle beschriebenen Schwächen der Eintracht, sollen nicht noch einmal wiederholt werden. Doch eines sei noch angemerkt. Bei gewissen Krisenvereinen scheint es inzwischen nicht nur keinen Spaß zu machen Fußball zu spielen, sondern eine psychisch nicht mehr zu verarbeitende Pflicht. Nachdem letztes Jahr Marcell Jansen in zu jungen Jahren seine Karriere beendete, erklärte nun der erst 27-jährige dreimalige Nationalspieler Stefan Reinartz sein Karriereende.

TSG Hoffenheim

Erst der Einheimische, dann der Feuerwehrmann aus Holland und schließlich der mit 28 Jahren mit Abstand jüngste Bundesligatrainer aller Zeiten. Eine erstaunliche, teilweise völlig sinnlose Saison hat Hoffenheim hinter sich. Wenn das Märchen vom jungen Prinzen der das Dorf vor dem bösen Drachen Abstieg rettet auch noch so medienwirksam kitschig ist, so muss man feststellen, dass dieses Märchen in der Person Julian Nagelsmann tatsächlich seinen natürlichen Protagonisten hat. Der Jungtrainer aus Landsberg hat tatsächlich eine natürliche Autorität, die Stärke im Gespräch trotz seines Alters stets die Kontrolle zu behalten und dabei natürlich zu bleiben. Mit diesem Trainer bleibt die TSG zumindest ein weiters Jahr interessant genug für die Bundesliga.

SV Darmstadt 98

Hier waren die Prognosen zur Saison der Darmstädter nie so negativ wie sonst überall, nein das meiste hat sich bewahrheitet. Die Lilien haben mit ihrer unangenehmen Spielweise zurecht die Liga erhalten und haben dabei einen besseren Eindruck gemacht, als viele andere Mannschaften, auch als Mannschaften, die noch höher in der Tabelle landeten. „Der Erfolg frisst seine Kinder“ heißt es fälschlicherweise. Ein dummer Spruch, der auf wahrhaft Erfolgreiche in unserem System sicher nicht zutrifft, auf Personen oder Gruppen, die durch harte Arbeit zwischenzeitlich Sensationelles geleistet haben, wie Darmstadt allerdings schon. Die Leistungsträger scheinen zu gehen und doch wird Darmstadt ein weiteres Jahr die Möglichkeiten haben, sich in Sachen Infrastruktur und Finanzen der Moderne anzupassen. Zwei Jahre Bundesliga sind in Darmstadt ein Glücksfall, um sich schließlich vielleicht als gesunder Zweitligist zu etablieren.

Werder Bremen

Auch über Werder ist eigentlich alles schon mehrfach geschrieben. Stärker als die Teams, die in der Tabelle unter den Bremern stehen, waren die Grün-Weißen sicher nicht, aber sie haben schlicht eine klitzekleine Menge weniger Fehler gemacht und sie haben Claudio Pizarro. Immerhin ist die Aussicht schön, den Peruaner auch nächstes Jahr in der Bundesliga sehen zu können.

FC Augsburg

So sehr lange und so tief die Augsburger in der Tabelle unten standen, so wenig musste man davon ausgehen, dass der FCA absteigt. Dazu ist das Team einfach zu gut. Nur durch einen höchst unglücklichen, aber zurecht gegebenen Elfmeter schieden die Augsburger gegen Liverpool aus der Euroleague aus. Diese mentale Stärke machte die Augsburger allen anderen Mannschaften des unteren Tabellendrittels überlegen. Aber muss auch in Augsburg ernsthaft die Frage gestellt werden, wie es ohne den Erfolgsgaranten Trainer Weinzierl weitergehen soll.

FC Ingolstadt

Ingolstadt war nicht nur kein sicherer Absteiger, sondern definitiv eine Bereicherung der Liga. Kaum ein Bundesligastandort überzeugte 2015/16 so wie die Schanzer. In nur zwei Spielen waren sie wirklich unterlegen, bei den zwölf anderen Niederlagen war jeweils mindestens ein Punkt drin. Und trotz neun Elfmetern für Ingolstadt wurde das Team von den Schiedsrichtern als „Kleiner“ sehr häufig eher benachteiligt und hat sich davon in keinem einzigen Spiel aus dem Konzept bringen lassen. Der FCI hat sich jeden Respekt verdient. Leider verlieren sie nun ihren Top-Trainer. Wenn sein Geist erhalten bleibt, so muss das Kapitel Bundesliga und Ingolstadt nicht so schnell vorbei sein.

Hamburger SV

Der HSV mit 41 Punkten. So hart es klingt, das ist nach den vergangenen Jahren eine Meisterleistung, ja um fünf Punkte die Relegation verpasst. Ganz kühl hanseatisch betrachtet, muss man sich fragen, wo die Autokorsos nach dieser sportlichen Erfolgssaison blieben, oder halten sich die Hamburger etwa immer noch für etwas Besseres als die anderen Mannschaften der unteren Tabellenhälfte. Wirtschaftlich gesehen sind sie es sicher nicht, eigentlich müssten sie vor und nach den Spielen von St. Pauli noch eine Menge Leergut sammeln, um sich sicher im Mittelfeld der Bundesliga zu etablieren. Höheres ist auf Jahre kaum zu erwarten.

Bevor hier den ersten neun der Tabelle auf die Füße getreten wird, sei noch einmal daran erinnert, dass die Tabelle nicht lügt, jedenfalls nicht wissentlich. Für Erfolgsmeldungen abseits der hiesigen Lügenpresse, wenden sie sich bitte an die Veröffentlichungen der Ultras der genannten Vereine. Danke!
Für die kurze, aktuelle Eskalation bietet sich auf Facebook die Gruppe „ULTRAS Gänseblümchen“ an.