Das Mittelmaß an sich ist ja nichts Schlechtes. Es ist eher so mittel, entspricht also so ganz der Gesellschaft, deren Extreme ja genau genommen auch ganz schön mittelmäßig sind. Das Mittelmaß ist inzwischen erhaltenswertes oder erstrebenswertes Ziel für den größten Teil der Gesellschaft, die das Problem hat, dass die Reichsten inzwischen jedes Maß verloren haben, während immer mehr in akuter Abstiegsgefahr schweben. Es müsste eigentlich an der Zeit sein, die negative Konnotation des Wortes in Frage zu stellen, solange es doch noch so schöne Begriffe wie Konsensscheiß gibt.

Im Mittelfeld, ja dem Mittelmaß der Fußballbundesliga stehen nach der vergangenen Saison Teams, die von ganz unterschiedlichen Perspektiven aus ihr eigenes Mittelmaß betrachten müssen.

 

Bayer Leverkusen

Mit dem besten Kader aller Zeiten am Ende froh zu sein, gerade noch das Mittelmaß erreicht zu haben, das muss man erst einmal schaffen in einer Saison, in der der Verein gleichzeitig mit Henrichs und vor allem Havertz zwei der vielversprechendsten Talente in die Liga brachte. Eine Mannschaft ist nun einmal mehr als nur die Summe ihrer einzelnen Mitglieder, es ist die Summe der Teamfähigkeit aller Teile. Bei Bayer ist die Liste lang, wer, warum, wieso und sogar weshalb, wer, wo und wann nicht mit wem konnte. Das fängt im Vorstand an, von dem beispielsweise innerhalb von nur zwei Minuten, bei zwei verschiedenen Interviews zwei verschiedene Aussagen zur Trainerfrage zu hören waren, das geht weiter bei den Betreuern, die mal beim Cheftrainer, mal bei den Spielern, mal beim Vorstand beliebt waren und im nächsten Moment wieder nicht. Das geht weiter bei der Frage, ob man nun den einen oder anderen Star mit einem Einsatz die Laune nicht verhageln möchte oder ob man doch auf die Talente setzen sollte und in welchen Spielen das geschehen soll. Soll man auf Teamplayer setzen oder auf Spieler mit mutmaßlich größerem Potential? Es bleibt einfach nur festzustellen, dass Bayer all diese Fragen entweder unbeantwortet ließ oder eben genau die falschen Antworten gegeben hat, aber vielleicht gab es mit diesem Kader auch zu viele Antwortmöglichkeiten.

 

Eintracht Frankfurt

Wer einerseits eine sehr positive Überraschung, andererseits eine sehr negative ist, der findet sich zurecht im Mittelmaß wieder. In der Hinrunde hat Frankfurt wohl alle überrascht. Wer konnte auch ahnen, dass eine solch heterogene Truppe zur Eintracht wird und dabei auch das eine oder andere spielerische Highlight setzt. Für jeden war es eklig gegen Frankfurt zu spielen, leider jedoch übertrieben es die Spieler dabei oftmals und so wurde Frankfurt auch zur negativsten Überraschung, nämlich dass man mit einer Kloppertruppe so einschüchternd vorgehen kann, dass Erfolg auf diese Art heute noch immer möglich ist. Als sich die Sperren häuften, häuften sich auch die Niederlagen und dennoch dürfen die Frankfurter auch dank der Erfolge im Pokal die Saison als erfolgreich betrachten.

 

Schalke 04

„Der Weg aus dem Tragödienstadl wird kein leichter sein.“, hieß es in der Saisonvorschau. Wenn, trotz eines der teuersten Kader der Liga, ein Zweitligaspieler zum Hoffnungsträger und Publikumsliebling wird, so sagt das eine Menge über die Saison der Schalker. Viel zu leicht scheint man auf Schalke viel zu zufrieden zu sein. Leider galt das sowohl für das eine oder andere Talent, dem eine große Karriere zugetraut werden kann oder vielleicht doch nur konnte, als auch für die Fans, denen über die ganze Saison hinweg doch vieles zugemutet wurde, denen aber erst ganz am Ende der Saison klar wurde, wie übel die Saison wirklich war. Ganz typisch war, dass man die Mannschaft für die kämpferische Leistung im Rückspiel in der Europa League gegen Ajax Amsterdam feierte. Ganz vergessen wurde dabei das Hinspiel, in dem die Schalker dermaßen unterlegen waren und nur durch ihren famosen Torhüter Fährmann davor gerettet wurden, europaweit als Schalke 0-7 bekannt zu werden. Konstanz fand nur auf mittelmäßigen Niveau statt. Die Spieler mit deutlich größerem Potential schafften es nie konstant auf höherem Niveau zu spielen. Der Unterschied zwischen Talent und Größe ist aber nun mal, das Talent auf hohem Niveau konstant abrufen zu können. Und sorry liebe Schalker, es sei zugegeben, dass es während der ganzen Saison immer wieder schwere Verletzungen im Kader gab, doch das sollte bei diesem Kader eigentlich unerheblich sein. Vielleicht tut Schalke ja eine Saison ohne Europacup sogar gut. Da wäre mal Zeit sich einzuspielen, was allerdings nichts bringt, wenn Trainer Weinzierl wieder zu viele Kompromisse macht. Talent hin oder her, wer dieses nur andeutet, muss auf die Tribüne, sonst wird es auch um Weinzierl und Heidel eng.

 

Borussia Mönchengladbach

Das Wort Mittelmaß fiel bereits in der Winterpause über Gladbach. Bei Leistungen, die während der Saison zwischen gehobenem Mittelmaß der Championsleague unter unterstem Mittelmaß der 2.Liga schwankten, kann aber auch nix anderes dabei herauskommen. Gladbach war eine Chimäre aus  abstürzenden Brieftauben und gedopten Einhornfohlen. Nein, genauer gesagt war jeder einzelne Spieler ein solches Mischwesen. Gladbach hatte viele Leistungsträger, leider aber über die Saison verteilt.

 

Werder Bremen

Werder darf heilfroh über das Mittelmaß der Saison sein, macht aber den Fehler es nicht zu sein. Es gab einen Wendepunkt, der Bremen vom sicheren Weg in die 2.Liga abbrachte. Mit dem Auswärtsspiel in Wolfsburg wurde ein neuer Kurs eingeschlagen. Werder war hoffnungslos unterlegen, bekam trotz unzähliger Chancen der Wölfe aber unverdient nur ein Gegentor und gewann das Spiel mit 2-1. Auch in den folgenden Spielen schoss man just in dem Moment ein glücklich abgefälschtes Tor, als sich der Gegner gerade das Tor verdiente. Die eine oder andere etwas glückliche Schiedsrichterentscheidung kam dann auch noch dazu und plötzlich stand keine verunsicherte Mannschaft auf einem Abstiegsplatz, sondern spielte ein Team, das wusste, irgendein glücklicher Zufall würde schon helfen, selbstbewusst eine Art von ansehnlichem Fußball, der Bremen in Richtung Europa brachte. Doch an den letzten drei Spieltagen fehlte der unbedarft selbstsicheren Mannschaft dazu eben doch die Wiederholung des Glücks. Man schoss zwar jeweils drei Tore, doch verlor man dennoch jedes Spiel, was es in der Bundesliga vorher noch nie gab. Gab´s da nicht mal den mittelmäßigen Spruch „Drei Mal ist Bremer Recht.“? Immerhin war das dann doch so amüsant, dass man Bremen die Bundesliga gönnen darf. Wenn Werder wunderlich wahnhaft weiterhin wähnt, so könne man echte Fortschritte machen, so wird man auch 2018 Mittelmaß erfreulich finden.

 

SC Freiburg

Wer den Freiburgern ein solch gesundes Mittelmaß vor der Saison versprochen hätte, der wäre wohl ausgelacht worden und zwar fröhlich, denn das Mittelfeld wurde höchstens erträumt. Mit Mittelmaß die Qualifikation der Europa League zu erreichen, dass ist mehr als so mancher Freiburger überhaupt wollte. Schon direkt nach dem Erreichen dieser Chance wurde auch öffentlich begonnen, sich um die nächste Saison Sorgen zu machen. Was ist, wenn Leistungsträger gehen? Der erste ist mit Grifo schon weg. Was machen wir mit der Doppelbelastung? Was, wenn wir deswegen doch wieder absteigen? Das alles wirkte schon sehr kauzig melancholisch. Es ist aber nichts als gelebter Realismus. Gelebt von einem Trainer, der sich jeder Mittelmäßigkeit in der Außendarstellung entzieht. Christian Streich ist durchaus ein ernsthafter Kandidat für den Trainer des Jahres. Nicht für seine sportlichen Entscheidungen, die manchmal sogar zweifelhaft waren und Freiburg dennoch auf den sensationellen siebten Platz brachten. Christian Streich blickt weit über den provinziellen Tellerrand hinaus. Weil er sich dabei nicht verbiegen lassen will, sich dem Hochdeutsch und der Mittelmäßigkeit der Phrase verweigert, weil Streich dabei seine Gefühle nicht verbirgt, was ja fast schon ein Affront gegen die alltägliche aalglatte, abgestumpfte, aseptische Welt der Pressekonferenzen ist, ist Christian Streich und damit der SC Freiburg so wertvoll für die Bundesliga und vielleicht für Europa oder wenn es ganz dumm läuft auch für die 2.Liga.

 

Waren die Tabellen reiter wirklich die Spitzenführer der Bundesliga? Diese und andere Fragen werden im nächsten Teil des Saisonrückblicks geklärt. Hoffentlich jedenfalls!