Vom Scheitern zum Erfolg. Erfolgreiches Scheitern war ja schon bei Darmstadt 98 festzustellen. Im Mittelmaß wurde Freiburg vom Erfolg verfolgt. Verfolgt man seinerseits den Erfolg, um seine Lebensgewohnheiten zu untersuchen, seine Umwelt zu betrachten, die Wechselwirkung zwischen Erfolg, seiner Umwelt und anderen Spezies, so erkennt man, dass in den Bauten des Erfolgs stets fast symbiotisch der Misserfolg wohnt. Die beiden Lebensformen haben sich überall, auf allen Kontinenten verbreitet, wo ihre Hauptnahrung gedeiht, die Erwartung.

 

Hertha BSC Berlin

Berlin ist ganz allgemein ja schon sehr lebensfeindlich. Wer hier etwas erwartet, der ist selbst schuld. Das musste in der 2.Liga Union feststellen und die Hertha erst recht. 15 Niederlagen (nur eine weniger als der HSV), eine Tordifferenz von minus vier, neun Auswärtspleiten in Folge. Das klingt nach dem Brunftschrei des Misserfolgs. Am Ende Platz 6 und Europa League ist allerdings eine Tatsache. Der Misserfolg der anderen, lässt die Hertha auf eine erfolgreiche Saison blicken, unerheblich mit welchen Mitteln der Erfolg zu Stande kam. Aber wer hätte ernsthaft anderes erwartet? Amüsieren konnte die Hertha nur außerhalb des Rasens mit der Nachricht: „Wir haben vor, ein Stadion zu errichten.“ Oder war es doch: „Wir haben nicht vor, ein Stadion zu errichten.“ Das verspricht dann doch für die nächsten Jahrzehnte amüsant zu werden.

 

1.FC Köln

Das Habitat am Rhein ist ein ganz anderes als in der sogenannten Hauptstadt. Hier wachsen die Erwartungen überall und zu jeder Jahreszeit. Häufig überwucherten sie ganze Stadtteile von Sülz bis Müngersdorf. Es wundert nicht, dass Erfolg und Misserfolg hier einen ganz besonderen Lebensraum erschlossen haben, in der auch die Hysterie eine Heimat gefunden hat. Diese ließ im Oktober, auch im November und schließlich zum Jahresende im Januar Torwartfehler zum Tor des Monats und Jahres werden. Doch es ist eine zugewanderte Art, aus Wien und Düsseldorf kommend, die den Erfolg möglich machte. Kölle wurde Fünfter, ist wirklich im Europacup! Ganz konsequent wurden die Schwächen der anderen Mannschaften genützt. Ganz konsequent wurde der Kader von Jahr zu Jahr verstärkt, ganz konsequent und in Ruhe wurden einzelne Spieler besser gemacht. Der spektakuläre Fall des 25-fachen Torschützen Anthony Modeste ist die eine Seite, die eher Unauffälligen im Kader wie Marco Höger spielten eine fantastische Saison. Egal, ob die anderen Teams schwächelten, der FC aus K hat sich Europa absolut verdient erarbeitet.

 

TSG Hoffenheim

Sämtliches berechtigtes Lob für Trainer Nagelsmann muss man nicht noch einmal wiederholen. Hoffenheim wurde zu einem der Spitzenteams der Fußballbundesliga geformt. Wenn die Chancenverwertung nur ein kleines bisschen besser gewesen wäre, so hätten aus den 14 Unentschieden genug Punkte entstehen können, um ganz oben einzugreifen. Sämtliche Bilanzen der Saison zeigen ansonsten nur, dass die Kraichgauer den Erfolg absolut verdienen. Obwohl eine Teamleistung die Champions League-Qualifikation erst möglich machte, darf man nicht die Fortschritte der einzelnen Spieler übersehen. Nagelsmann verschob beispielsweise Kevin Vogt leicht nach hinten. Dieser entdeckte daraufhin, dass er als zentraler Spieler in der Dreierkette sein enormes Tempo am besten nutzen kann. Ein Sebastian Rudy (Was wollen die Bayern denn mit Rudy?) beherrschte das zentrale Mittelfeld so souverän, dass man meinen könnte, er sei ein Doppelgänger von Toni Kroos. Talent zeigte Konstanz und das brachte einen Haufen neue Nationalspieler hervor. In der Qualifikation zur Liga der sogenannten Champions wird es vermutlich gegen einen ganz großen Namen gehen. Eine Mannschaft wie Liverpool schafft es vermutlich, dank des deutschen Trainers, Hoffenheim zu finden. Ob das bei Napoli auch so ist? Wenn Kramaric nicht wieder diese innige Liebe zum Abschluss ans Torgestänge entwickelt, so werden noch andere große Namen des europäischen Fußballs den Weg nach Hoffenheim suchen müssen.

 

Borussia Dortmund

Was in der Saison 2016/17 in und um Dortmund so alles passiert ist, das langt bei grauen Mäusen wie der Hertha für ein halbes Jahrhundert. Man denke nur an die schrecklichen Ereignisse während der Halbzeitpause des Pokalendspiels in Berlin. Da kann der BVB nur froh sein, dass die Vereinsführung immer ganz ruhig geblieben ist. Man bitte diese beißende Ironie zu entschuldigen nach einer Saison in der gefühlte 365 Mal „Watzke“ und „unglückliche Aussage“ in einem Satz zu lesen waren. Der Vorsitzende der Geschäftsführung scheint immer häufiger auf Diät zu sein und scheint sich deshalb von der Beachtung der Medien zu nähren. Er entwickelt sich, um in der Region zu bleiben, zu einem Kashmir-Hooligan. Das mag ja durchaus gelegentlich unterhaltend sein, doch  ist es für die nicht mehr enden wollende Unruhe im Verein hauptverantwortlich. Das Opfer dieser Unruhe war am Ende Thomas Tuchel, den man nach all den Geschehnissen auch über seine fachliche Kompetenz hinaus loben muss. Trotz abertosender Medienanfragen blieb Tuchel immer freundlich professionell und wenn er einmal seine Emotionen aus sich herausließ wie bei seiner Brandrede nach dem Spiel in Frankfurt, nahm er sich selbst immer mit in die Pflicht. Wenn Spieler das nicht ertragen, sondern sich an anderer Stelle im Verein ausheulen müssen, dann haben sie bei einem Spitzenteam der Fußballbundesliga nichts zu suchen.

Ein ganz neues, größtenteils sehr junges Team, das nicht gerade heterogen zusammengestellt wirkte, erreichte dabei alle Saisonziele, qualifizierte sich wieder für den gehobenen europäischen Fußball und gewann mit dem DFB-Pokal sogar einen Titel. Dazu explodierten die Marktwerte einiger Spieler regelrecht. All das spricht für eine erfolgreiche Saison. Warum nur wirkt es so, als habe die Saison nur Verlierer hervorgebracht? An den Erwartungen kann es nicht gelegen haben.

 

Leipzig

Streich, Nagelsmann, Stöger oder doch Hasenhüttl. Man kann sich kaum entscheiden, wer in dieser Saison der Trainer des Jahres ist. Mit klarer Linie aus der 2.Liga auf den 2.Platz der ersten Liga scheint vielen nicht zu auszureichen. Der Erfolg hat im Falle von Leipzig noch immer den unangenehmen Nachbarn, den Neid, eine Gattung die in unseren Breiten besonders gut gedeiht, dessen Hauptnahrungsmittel ganz unterschiedliche sind. Dummheit, Bequemlichkeit und Misserfolg stehen ganz oben auf dem Speiseplan.

Warum haben sich eigentlich nicht andere Vereine Hasenhüttl oder Spieler wie Demme, Werner oder Forsberg geholt? Warum haben sie nicht Spieler von Amateurniveau zu Bundesliganiveau entwickelt. Wenn man die Ablösesummen und Gehälter der Spieler mit Spielern vergleicht, die sich andere Clubs leisteten und leisten, ist klar, warum Neid, Erfolg und Misserfolg so nahe bei einander leben.

Bei Leipzig haben jedenfalls fast alle fast Alles richtig gemacht. Ein Forsberg hatte anfangs der Saison noch Probleme mit dem Trainer und stand nicht in der Anfangself. Ganz in Ruhe wuchs zusammen, was am Ende verdientermaßen auf Platz 2 landete. In dem verrücktesten Spiel der Saison, dem 4-5 am vorletzten Spieltag konnte man quasi die ganze Saison wiederfinden und vermutlich auch in die nächste Saison spähen. Da gab es den ungebremsten Spielwitz, man konnte die Abwehrschwächen gegen die ganz Starken betrachten und eben auch bereits einen Hauch von Arroganz, der die Wende in der Schlussphase brachte. Daraus muss Leipzig lernen, denn der Überrschungseffekt ist vorbei. Die Leipziger werden immer häufiger selber das Spiel machen müssen. Wer unvoreingenommen auf Leipzig schaut, der darf auf die nächste Saison gespannt sein.

 

Egal um welches Thema es geht, muss in jeder Publikation des Jahres ein bestimmter Name vorkommen. Also: Trump

 

Bayern München

Soll man überhaupt über die Bayern schreiben? Haben sie doch den größten denkbaren Misserfolg erzielt und das Triple nicht gewonnen. Fast schon unverschämt von den feinen Bayern den Eskapismus der Medien nicht zu bedienen. Etwas anderes befeuerte die Diskussion um das Triple nicht, denn die Fans erwarten das Triple sicher nicht, auch wenn sie immer den größtmöglichen Erfolg wollen. Offenbar konnten sie das Scheitern in den Pokalbewerben besser verkraften als so mancher Kommentator oder Experte und beschäftigten sich nicht mit der Frage, was sich ändern muss, sondern mit den Kleinigkeiten, die fehlten.  Bayern München ist sicher nicht am Ende. Sie sind Meister, haben eine der erfolgreichsten Jahre der Bundesligageschichte gespielt, aber sie haben tatsächlich nicht immer überzeugt. Sie spielten mehr oder weniger genau die Saison, die erwarten wurde. Carlo Ancelotti ist auch bei den Bayern nicht zu einem Erneuerer geworden. Er blieb Bewahrer. Vielleicht bewahrte er etwas zu lange seine rotweingeschwängerte Bierruhe. Etwas mehr Aufregung hätte den Bayern sicherlich gut getan. Trotz aller Erfolge scheint die vergangene Saison nicht dafür geeignet sein, ewig in der Erinnerung zu verweilen. Es fehlten einige Kleinigkeiten, einige Highlights, beispielsweise zwei Tore im Rückrundenspiel gegen Hamburg. Erinnert man sich dann aber an so manche Aktionen des niederländischen Muskels Arjen Robben wie das Siegtor in Leipzig, schnalzt man unwillkürlich mit der Zunge. Über wen außer die Bayern kann man auf solch hohem Niveau schon Zweifel äußern.

Wo der Erfolg schon so lange seinen natürlichen Lebensraum hat, da scheint mancher Feldforscher dann doch etwas zu bequem zu sein und verwechselt die unterschiedlichen Gattungen. Zu solchen Schusseligkeiten kommt es oftmals, wenn man vom Neid befallen ist. Der klare, sichere Blick auf das Ganze kann dann durchaus getrübt werden. Bayern München ist nun fünfmal nacheinander Meister geworden und das nicht nur, weil andere schwächelten. Mit Lahm und Xabi Alonso treten nun Weltmeister, eine eigene Liga von ungewöhnlichen Champions mit einer erlesenen Sammlung von Titelgewinnen zurück. Der eine oder andere Nachfolger steht bereits fest, andere sollen folgen. Es wird halt dann doch nie langweilig, dort wo man den Erfolg noch ungestört beobachten kann.

 

Schauen Sie auch demnächst wieder rein, wenn weiter Expeditionen zu seltenen Gattungen rund um den Erdball…nein Fußball folgen werden, denn nach der Saison ist vor der Saison und jetzt geht´s naus und spuits Fußball.