Wer vor dieser (oder irgendeiner) Saison den Meistertipp Bayern München abgibt, der macht es sich leicht und hat doch häufig recht. Wer allerdings dabei nun fühlt, dass die Bayern sowieso immer Meister werden, der ist kein Dortmunder und vergisst deswegen, dass auch Dortmund in den letzten vier Saisons zweimal den Titel holte. Ein Titel zu holen, das schafften vor kurzer Zeit auch beispielsweise Wolfsburg oder Stuttgart. Viel schwieriger ist es dauerhaft erfolgreich zu sein und das erklärt, warum auch in diesem Jahr der Titel nur über Dortmund und die Bayern zu erringen ist. Werfen wir also einen Blick nach oben.

Borussia Mönchengladbach

Über kaum eine Mannschaft gibt in der Geschichte der Fußballbundesliga so viele unzutreffende Mythen. Wenn ich allerdings Gewäsch über die „Gladbacher Fohlen“ hören muss, möchte wie ein Pferd vor die nächste Apotheke kotzen, wie sonst nur wenn ich Günter Netzer dabei zuhören muss, wie er seine eigene Vergangenheit erfindet. Reden wir aber gleich über einen weiteren Mythos; Konterfußball. Konterfußball wurde nicht in Mönchengladbach erfunden. Konterfußball ist kein Offensivfußball, sondern das schnelle Umschalten aus der Defensive. Und Spieler die für diesen Konterfußball stehen hat Gladbach geholt. Traore oder Hahn sind tatsächlich verdammt schnell und passen somit ins Anforderungsprofil von Lucien Favre. Aber auch solche Spieler müssen erstmal auf die Reise geschickt werden. Ob für Kontersituationen oder auch gegen tiefstehende Mannschaften, der Mannschaft der Gladbacher könnte etwas das spielerische Moment fehlen.

Ich halte Lucian Favre durchaus für einen ausgezeichneten Trainer, aber er ist ähnlich dickköpfig wie beispielsweise Louis van Gaal und dabei manchmal auch für die eigene Vereinsführung unerträglich kompromisslos. In Mönchengladbach hat er schon viel Geld verbrannt, in dem er keine Kleinigkeit ändern wollte, um Luuk de Jong richtig einzusetzen. Wenn der Anfang dieser Saison missglücken sollte, kann die Grenze zum viel-zu-viel-Favre überschritten sein, zudem einer der wichtigsten Schlüsselspieler, die Reservebank des FC Barcelona vorgezogen hat. Nachfolger Yann Sommer ist ein Spitzentorhüter, doch muss er sich an die Bundesliga sicher auch noch gewöhnen, gerade da er bei Flanken von außen immer mal wieder Probleme hat. Wenn man die Geduld mit dem Sommereinkauf behält, bis die Abstimmung vor allem mit den Innenverteidigern stimmt, dann kann man den Gladbachern zu dieser Verpflichtung nur gratulieren.

 

 VfL Wolfsburg

Volkswagen möchte in die Champions League. Nur das wollen viele. Es gibt auch in kleineren Ligen in Europa unzählige Beispiele dafür, dass dieses Ziel auch mit richtig viel Geld nicht so einfach zu erreichen ist und selbst dann stellte sich häufig die Frage, was denn international denn nun zu tun sei. Nur mit dem Scheckbuch allein ist nie eine Mannschaft weit gekommen. Aber Wolfsburg hat mit dem Geschäftsführer einen Mann am Scheckbuch sitzen, der weiß, was er tut. Noch immer hat Klaus Allofs damit zu tun, Altlasten loszuwerden, mit denen Felix Magath den Kader aufgebläht hat und nebenbei hat Allofs es doch geschafft, die Mannschaft Stück für Stück zu verstärken. Trotz einiger Verletzter wird der Kader schon zu Saisonbeginn schlagkräftig besetzt sein. Aaaaaber. Ein guter Kader ist für den ganz großen Erfolg nicht ausreichend. Wolfsburg macht Schritt für Schritt nach vorne, doch es scheint noch das „Je ne sais quoi“ zu fehlen. Ist Trainer Hecking auch im Stande eine Spitzenmannschaft zu führen? Er ist jemand, der sehr gut für Ordnung und die grundsätzlichen Voraussetzung wie Laufbereitschaft sorgen kann, doch wirkt seine ganze Arbeit nicht innovativ genug. Es wirkt nicht, als könnte eine Mannschaft mit Hecking auf der Bank zu jedem Spiel fahren, um dieses auch gewinnen zu wollen und auch die richtige Idee für den Sieg zu haben. In einer Saison, in der teilweise WM-bedingte Probleme den Topteams der Liga zusetzen, wäre die Chance für Wolfsburg besonders gut, doch dafür sind in und außerhalb des Kaders noch einige Entwicklungsschritte nötig.

 

Bayer 04 Leverkusen

Keine Mannschaft hat ihr Gesicht in den letzten Monaten so sehr geändert wie Leverkusen. Mit dem neuen Trainer Roger Schmidt soll der etwas bräsige Stil des letzten Jahrzehnts zu Ende sein. Extremes Forechecking, die furiose Jagd nach jedem Ball statt Abwarten und den Gegner kommen lassen soll die Methode sein. Klingt erstmal gut und sah auch bei Teams von Roger Schmidt auch schon gut aus, ist aber nicht ganz so einfach umzusetzen. Jeder Spieler muss daran glauben und jeder einzelne muss trotz der intensiven Laufarbeit konzentriert bleiben, damit das System nicht nach hinten losgeht. Lange gezielte Bälle über die erste Linie der angreifenden Mittelfeldspieler können das ganze System im Nu aushebeln, da gerade die Außenverteidiger große Schwachpunkte sind. Mit Donati und Boenisch kann es sein, dass Leverkusen am Ende der Saison ein Torverhältnis haben wird wie letztes Jahr Hoffenheim. Trotz seines wohl großen Talents spielte in der Champions League-Quali der junge Brasilianer Wendell nicht. Man darf sich schon die Frage stellen warum.

Dazu wurde auch für Spieler ein Haufen Geld in die nervös verschwitzten Hände genommen. Wendell, Drmic, Calhanoglu, dazu die Leihgabe Papadopoulos sind Einkäufe wie sie Bayer seit der großen Vizezeit um die Jahrtausendwende nicht mehr getätigt hat. Bislang stand Leverkusen für Geduld, machmal für zuviel Geduld, Labbadia wurde in Leverkusen Opfer seiner Ungeduld, wollte zu viel auf einmal ändern. Was soll dabei rauskommen, wenn nun die schnelle Wende im Spiel und auch außerhalb zur Konstante werden soll? Spannend wird die Saison Leverkusens in jedem Fall. Kann das Spielsystem auch in der obersten deutschen Fußballklasse funktionieren?

 

Schalke 04

Schon wieder so ein Traditionsverein; einer der sechs der sieben Meistertitel während des dritten Reichs gewann und nun Gazprom als Hauptsponsor hat. Die Erfolge auf Schalke sind so lange her, dass man sich dort inzwischen eher nach Misserfolg zu sehnen scheint, wenn auch nur, um den unbeliebten, wenn auch erfolgreichen Trainer Keller loszuwerden. Auch das hat Tradition; selbst der Franke Bumbes Schmidt, der die Schalker in den 30er Jahren zum Erfolg führte und den berühmten Schalker Kreisel initiierte, verließ den Verein im Groll.

Wenn Schalke auch den zumindest in der Breite besten Kader aller Zeiten hat, so sind die Chancen, die dieser Kader bietet doch groß. Viele Spieler überschätzen sich maßlos und wenn man sich nur betrachtet, wer alles unbedingt auf der „10“ spielen möchte, dann wird klar, dass das Mannschaftsgefüge äußerst brüchig ist. Bei der Hetze die gegen den Trainer stattfindet, ist ein hartes Durchgreifen nun auch nicht mehr möglich, ohne die eigene Position zu schwächen. Zwischen Bildzeitung und anderen Medienvertreter scheinen regelrechte Wetten zu laufen, welche Meldung Keller zu Fall bringen wird. Schade, dass es ein Kader, aber keine funktionierende Mannschaft gibt. Selbst wenn Jens Keller entlassen würde, wer sollte denn aus der Ansammlung von guten Spielern einen Champion machen. Es gibt nun mal recht wenige international anerkannte Trainer, die jung sind, aber erfahren genug, um mit der Situation zurechtkommen zu können und noch dazu in Sichtweite des Schalker Markts aufgewachsen sind.

 

Borussia Dortmund

Nach all dem langweilen Gelaber zwischen WM und Bundesliga muss zunächst einmal festgestellt werden, dass die übelst aufgebauschten Wortwechsel zwischen Hans-Joachim Rummenigge und Karl-Heinz Watzke nichts anders sind als regionale Scharmützel zwischen dem Sauerland und dem Lippetal, nichts anderes als Kinderkram zwischen Obergiesing und Untergiesing oder Fröndenberg und Menden. Also bitte: Klappe halten!

Und wenn BVB und FCB so weiter machen, könnte sich am Ende vielleicht doch ein Dritter diebisch freuen. Dabei ist Dortmund für mich der Topfavorit auf den Meistertitel. Aus einer bestehenden sehr guten Mannschaft fehlt nun nur Lewandowski. Sicher eine große Schwächung, doch die Neuen Ramos und Immobile sind ja keine Schlechten. Was Dortmund allerdings zum Favoriten macht, sind nicht diese neuen Spieler. Die Frage Ramos oder Immobile wurde in der Vorbereitung eindrucksvoll mit der Antwort Aubameyang beantwortet, oder Aubameyang+x. Der Prachtgabunensier und auch Heinrich Michitarian sind nun auch schon das zweite Jahr beim BVB und sollten endgültig verstanden haben, was sie für ihren Trainer Klopp auf dem Spielfeld zu tun haben. Dazu kehren früher oder später einige tolle Spieler nach Verletzungen zurück. Jürgen Klopp geht nun schon in die siebte Saison beim BVB und noch ist nicht der Hauch von Abnutzungserscheinung zu erkennen. Der unbedingte Wille jedes Spiel zu gewinnen und die Klasse dieses auch zu tun, lassen keinen Zweifel aufkommen, dass Dortmund auch dieses Jahr zumindest um den Titel spielt. Wenn nicht in einer starken Phase eines anderen Vereins wieder gleichzeitig einige schwere Verletzungen das Team treffen, dann sind die unnötigen Punktverluste der Vorsaison auch zu vermeiden.

 

Bayern München

Die Bayern stehen vor der schwierigsten Saison seit langer Zeit, spätestens seit der traurigen schweren Verletzung von Javi Martinez, der ein Schlüsselspieler für den Erfolg in dieser Saison geworden wäre. Der Spanier besitzt alle Qualitäten, die notwendig sind, in einem Jahr, in dem viele anderen Spieler damit zurechtkommen müssen, alles gewonnen zu haben. Kaum ein anderer vertritt auf diesem Niveau den unbedingten Hunger, den Gegner zu bekämpfen und zu besiegen. Das war im Championsleaguefinale schon so, in dem er der erste war, der sich gewehrt hat und das war im Pokalfinale so. Er ist der Hauptgrund, weswegen Guardiola nun auf Dreierkette umsteigen möchte, doch Satz mit X.. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass die Sicherheit beim Passen eines Toni Kroos fehlen wird. Auch wenn Kroos am Ende der letzten Saison manchmal so spielte, als wäre der Vertrag mit Real längst unterschrieben, ist er doch der einzige gewesen, der über jede Entfernung Pässe so spielte, dass sie nicht nur ankamen, sondern den Empfänger nicht in Schwierigkeiten brachten.

Angesichts des dennoch großartig besetzten Kaders gehört Bayern natürlich dennoch zu den Favoriten und der Trainer ist ja auch jemand der sein Handwerk beherrscht. Was Guardiola ausmacht ist nicht unbedingt nur die Taktik, nicht unbedingt das ballbesitzorientierte Spiel, es sind vielmehr die Kleinigkeiten, wie das Verhalten bei Kopfballduellen, das bei Pep nicht nur den Spieler betrifft, der selbst ins Kopfballduell geht. Viele dieser Details machen den Fußball, den der Trainer spielen lassen möchte, erst möglich.

Wie sinnlos war die Aktion von Karl-Heinz Rummenigge, völlig ohne Not Guardiola eine unbedingte Jobgarantie auszustellen. Das sind Sätze, die einem immer wieder um die Ohren gehauen werden, die komplett unnötig Diskussionen eröffnen, die es davor nicht gab, die die Frage stellen, ob es nicht auch zuuu viel Pep geben könne. Man sieht, es fehlt jemand, der die unbedingte Autorität in diesem Verein ist. Er fehlt nicht nur dem FC Bayern, den er erschaffen hat, er fehlt der gesamten Bundesliga, die ohne seine Ideen in dieser erfolgreichen Form heute kaum denkbar wäre.

 

Nun kann sie also losgehen, die spannendste Bundesligasaison seit Jahren, die in Kurzform bei den Ultras Gänseblümchen auf Facebook auch besprochen wird. Besuchen Sie auch den Statistikteil dieser Seite, oder bestellen Sie die „Statistische Enzyklopädie aller Spieler der Fußballbundesliga von 1963 bis heute“ ! Demnächst im Angebot: Die Statistik aller Spieler ihres Lieblingsvereins. Wenn jemand Interesse hat an einem historisch-statistischen Projekt mitzuarbeiten, geplant ist die Statistische Enzyklopädie der Spieler der 2.Fußballbundesliga. Ein kleines Mail genügt. Im Übrigen muss ich für einige Formulierungen entschuldigen, die kompliziert scheinen, aber dennoch besser sind, als drei gleiche Buchstaben in Folge zu schreiben. Eine solche Scheußlichkeit kommt mir nicht aus den Fingern.

Und nun viel Spaß!