Glauben heißt Nicht-Wissen. Und so muss es erlaubt sein, ein bisschen über das Nicht-Wissen zu schreiben, da dieses im Fußball so verbreitet ist, wie in jeder anderen Religion. Obwohl nur noch ein Protagonist des „Sommermärchens“ vor knapp zehn Jahren in der Bundesliga spielt und das Märchen, also eine verlogene Gutenachtgeschichte für Kinder und Kindsköpfe durch einen realen Weltmeistertitel obsolet wurde, lässt sich der Aberglaube an 2006 nicht ausrotten. Ein Musterbeispiel dafür wie Medien das Verhältnis zwischen dem jeweiligen Gott und dem jeweiligen Gläubigen verzerren, egal ob es sich bei den Medien um Kirchen, Hassprediger oder Fußballberichterstatter handelt. Der verzerrte Glauben findet sich auch in dem inflationär gebrauchten Begriff „Fußballgott“ wieder. In welchen Tempel man auch blickt, einen Fußballgott gibt es überall. Voraussetzung dafür sind beispielsweise ein putziger Spitznamen durch die Medien, eine ungewöhnliche Frisur, eine gewisse Tapsigkeit auf dem Feld und auch verbal. Meistens ist der entsprechende auch weit über den Zenit seines häufig mittelmäßigen Schaffens.
Ein recht langweiliger neuer Gott sind Datenbanken, die Zweikämpfe, Laufstrecken oder Ballberührungen zählen und/oder verfälschen. Letztlich tragen auch Einzelergebnisse dieser Datenbanken zum Nicht-Wissen bei. Am Schlimmsten ist es, wenn die Zahlen in Fußballübertragungen hineingestreut werden. Überhaupt sollte man bewegte Bilder aus der Bundesliga am besten ohne Ton genießen. Die Laberköpfe sämtlicher Fernsehanstalten übermitteln inzwischen ja nur noch Glauben. Annähernd nichts, was man so hören muss, hat auch nur irgendetwas mit dem laufenden Spiel zu tun. Es werden die Themen runtergeleiert, die gerade Schlagzeilen machen, da die verschiedenen Medien sie von einander abschrieben haben. Ein Zeitlupenfilter wäre inzwischen auch nicht schlecht. Widersinnige Lupen zeigen heutzutage  viel zu häufig Szenen, die in einer konkreten Spielsituation gar nicht von Belang sind. Verlasst euch doch endlich mal wieder auf euer eigenes Auge ihr Fußballanhänger. Lasst euch auch von den Führungskameras nicht dazu verleiten, das große Ganze im Auge zu behalten. Ja macht euch am Ende am besten eine fundierte eigene Meinung, die nicht auf dem Werbemarkt entstanden ist. Dazu möge ein Literaturtip helfen. Kurt Vonnegut: „Katzenwiege“ Die Schriften des Inselheiligen Bokonon beginnen mit den Worten: „Sei kein Narr! Klapp dieses Buch sofort wieder zu! Es enthält nichts als Foma!“ Ich möchte mich dem anschließen. Glaubt nichts, was euch über Fußball erzählt wird, sondern wisst! Glaubt auch hier nichts! Es sind alles Lügen!

Schalke 04

Ganz besondere Glaubensfanatiker sind die Anhänger von Schalke 04. Das Unwahrscheinliche wird, um es erklären zu können, zur Legende verklärt und irgendwann zum Märchen. Böse Zauberer verhinderten die Krönung der hübschen Prinzessin im Jahre 2001. Böse Mächte fraßen unschuldige Kinder in Königsblau. Eigentlich enden Märchen ja immer mit einem Happyend, doch der Glaube verhindert das. Ganz konkret wurde inklusive der Auswirkungen dieses Dilemma bereits in der Vorschau auf die Saison 2014/15 beschrieben. Diesmal sind die Voraussetzungen jedoch andere. Plötzlich wird wieder an das Gute geglaubt. Und das Gute hat einen Namen: Andre Breitenreiter. Tatsächlich brachte der neue Cheftrainer einen neuen Schwung in das lahmende Team. Gutdotierte Spieler müssen sich neu beweisen. Es scheint als habe der frisch mit Paderborn abgestiegene Trainer eine lockere Autorität, auch den bequemeren Spielern der Vorsaison klarzumachen, dass es ein Team auch eine Leistungsgesellschaft ist und das harte Arbeit Spaß machen kann. Spieler mit einem gewissen Marktwert scheinen nicht mehr dadurch geschützt, dass ihr Marktwert sinken würde und der Verein damit Kapital vernichten würde, wenn sie nicht spielen. Wielange dieser neue Wind um den Schalker Markt wehen wird, weiß wohl nemand. Erst wenn Gegenwind auffrischt, wird sich zeigen, ob Schalke endlich ein funktionierendes Team hat und ob nicht sogar eine wirklich gute Saison gespielt werden kann. Ob mit oder ohne Draxler ist für das Potential der Mannschaft nicht wichtig. Wichtig wird sein, dass die Spieler endlich an einem gemeinsamen Strang ziehen und nicht an ihrem eigenen.

FC Augsburg

Einen unglaublich geilen Job haben die Verantwortlichen des FCA in den letzten Jahren abgeliefert. Augsburg spielt wirklich, ganz echt und ohne Scheiß in der Europaleague. Ein Fanal für teure Mannschaften, die in der Tabelle unter den Lechschwaben gelandet sind, obwohl sie aus viel größeren Städten kommen und ein Vielfaches an Geld zur Verfügung hatten. Mit der neuen Entwicklung bekommt nun auch Augsburg mehr Fernsehgelder und der Wechsel des talentierten Linksverteidigers Baba zum FC Chelsea scheint eine der größten Ablöseeinnahmen in der Geschichte der Bundesliga zu erzielen. Dieses Jahr ist es der einzige Leistungsträger der (allerwahrscheinlich) geht. Bislang schafften es Geschäftsführer Stefan Reuter und Trainer Markus Weinzierl immer ein leistungsfähiges Team auf den Rasen zu bringen, obwohl Stammkräfte gingen. Man muss den Augsburgern fast gönnen, dass dies auch mit der ungewohnten Belastung der Reisen und möglicher Negativerlebnisse im Europacup funktionieren wird. 15 Niederlagen in der letzten Saison und damit mehr als Absteiger Freiburg müssen allerdings Warnung genug sein, dass Bundesliga in Augsburg noch keine Selbstverständlichkeit ist. Der Wille auch 15 Spiele zu gewinnen darf dabei nicht verloren gehen.

Bayer Leverkusen

Roger Schmidt hat also für viele überraschend das erste Jahr bei Bayer überstanden. Dabei wurde eine gute Saison gespielt, die mit extremen Überfallfußball begonnen hat, die etwas zurückgenommen erfolgreich blieb und, bei Leverkusen durchaus überraschend, keine größere Krise hatte. Mit etwas Feinjustierung hätte aus der letzten Saison auch ein sehr gutes Jahr werden können. Elfmeterschießen, so zeigte sich ja nicht nur bei diesem Team, ist halt nichts für jeden. Irgendwann merkte auch Schmidt, dass die Mannschaft bei steigenden Spielanteilen von Simon Rolfes und Gonzalo Castro erfolgreicher wurde. Und das genau sollte nun Sorgen machen. Rolfes beendete seine Karriere. Nach gefühlten 15 Jahren wechselte der 28-jährige Castro zu Dortmund. Die nächste Hiobsbotschaft ist die schwere Verletztung des Abwehrchefs Ömer Toprak, der sich in den letzten Jahren zu einem der besten Abwehrspieler der Liga entwickelt hat. In der gesamten Defensive herrscht deswegen zu Beginn der Saison die schlichte Hoffnung, dass das gut gehen wird. Doch auch in der Offensive herrscht vor allem Talmiglanz. Während sich Karim Bellarabi vom schwererziehbaren Einzelgänger zu einem Nationalspieler erster Güteklasse entwickelte, gibt es mit Calhanoglu und Son Spieler, die viel zu häufig im Spiel nicht zu sehen sind. Zwei Spieler, die nur aufgrund eines Potential für spektakuläre Aktionen zum Superstar erklärt wurden und dieses leider auch glauben. Son ist in Asien ein Star und weiß das. Aber es ist eben Asien. Calhanoglu hat sich zu einem Wiedergänger Mesut Özils entwickelt. Nach einem spektakulären Freistoßtor verbreitet er oft über Wochen den Zauber der Unsichtbarkeit. Was könnte Leverkusen alles erreichen, wenn man diesen beiden Toptalenten endlich den Glauben an die Spielerberaterflüsterer nehmen würde und ihnen das Wissen einprügeln könnte, was für eine effiktive und erfolgreiche Karriere nötig wäre. Wohin also Bayer?

Borussia Mönchengladbach

Reden wir mal nicht über all die falschen Mythen, die vor allem Exspieler über die Gladbacher verbreiten lassen. Reden wir lieber über die erfolgreiche Gegenwart. In der Rückrunde der letzten Saison punktete die Borussia eindeutig über ihrem Leistungsniveau. 39 Punkte, damit vier mehr als die zweitbeste Mannschaft waren stark und führten direkt in die Championsleague und dennoch hat man nicht das Gefühl das auch nur irgendjemand deswegen ausflippt. Genau das ist eine gesunde Basis dafür, dass sich dieses Jahr eine erfolgreiche Saison wiederholen könnte. Vielleicht erkennt Trainer Favre ja auch, dass die Mannschaft für zu viel Rotation noch nicht reif genug ist. Kaum wechselte der Trainer nur noch wenig und rein positionsgetreu, startete die Mannschaft durch. Wenn auch mit Kruse und Kramer zwei absolute Stammspieler gingen, so hat der Trainer doch genug Spieler von Qualität, um wieder um die Plätze an der Sonne mitzuspielen. Bei mehr oder längeren Einsätzen können Spieler wie Thorgan Hazard zu herausragenden Kräften der Liga werden. Die penibel einstudierten Laufwege mit nur punktuellen Veränderungen im Kader stehen für Konstanz, stehen dafür dass vielleicht neue Mythen erschaffen werden.

VfL Wolfsburg

Nicht Potential sondern Kompetenz ist das Thema bei Wolfsburg. …denn sie wissen, was sie tun. Sowohl die Zusammenstellung des Kaders als auch die Aufstellung auf dem Rasen ist wirklich gelungen. Wolfsburg hat etwas, was vielen Mannschaften fehlt, nämlich einen breit aufgestellten Kader, der viele Wechsel ohne Qualitätsverlust möglich macht. Man hat den Eindruck, dass der Hunger auf Erfolg größer ist als die Enttäuschung einiger Spieler, wenn sie mal nicht von Anfang an spielen. Selbst wenn der überragende Spieler Kevin de Bruyne noch gehen sollte, kann sich Manager Klaus Allofs eines Erfolgs rühmen, die größte Ablöse aller Zeiten für einen Spieler der Fußballbundesliga zu erzielen. Insgesamt ist Wolfsburg eine erfreulich Erscheinung. Es wird ein Fußball gespielt, den man auch als neutraler Zuschauer genießen kann und zwar von durchweg interessanten bis sympathischen Spielern. Torjäger Bas Dost sei als Beispiel angeführt. Ein Typ der Spaß macht. Man sieht ihm von der Körpersprache schon an, wie geil er auf Tore ist. Kaum ein Spieler hat in veschiedenen Interviews so eindrucksvoll beschrieben, wie schön das Gefühl ist, ein Tor zu erzielen. Hoffentlich bleibt dieser Spieler der Bundesliga noch lange erhalten. Das Fazit zu den Wolfsburgern ist klar: Weiter so! Die Mannschaft ist sicherlich im Stande, notfalls auch Meister zu werden, wenn andere Vereine schwächeln und ist einer der sichersten Anwärter, wieder die direkte Qualifikation zur Championsleague zu erreichen.

Bayern München

Kehren wir am Anfang, richtig, zum Anfang zurück. Als bekannteste Mannschaft, als größter Verein machen die Bayern mehr Schlagzeilen als andere Mannschaften zusammen. Die Vertragsverlängerung, oder besser noch Entlassung eines Busfahres (Negative Schlagzeilen verkaufen sich immer besser) würde in den Medien viel mehr Aufmerksamkeit erwecken als ein Rekordtransfer einer der Aufsteiger. Viele glauben deswegen, alles über die Bayern zu wissen, doch die wenigsten schauen genau hin und wollen nur ihren Aberglauben bestätigt wissen. Es sind Spektakel,  Eskapaden und Skandale, die das breite Publikum interessieren. „Rummenigge attackiert die Wölfe“ wäre die aufgeblasene Schlagzeile, wenn der Vorstandsvorsitzende des FCB im Interview sagen würde, dass München auf Grund der Einwohnerzahl bessere Voraussetzungen als Wolfsburg habe. Leider überträgt sich so etwas auf eine Mannschaft. Egal wer der Gegner ist, egal in welchem Spiel auch immer, werden immer nur die großen „Stars“ thematisiert, ob sie spielen oder nicht. Wer erinnert sich den daran, dass es vor allem der phantastischen Leistung von Javi Martinez zu verdanken war, dass 2013 die Championsleague gewonnen wurde?
Und es ist Javi Martinez, der nach einer Reihe von Verletzungen zum wertvollsten „Neuzugang“ werden kann. Zwei teuren Neuzugängen stehen sonst keine sportlich nennenswerte Abgänge gegenüber. Vidal ist der vielleicht erste Spieler, den die Bayern deswegen holten, damit er nicht beim Gegener spielt. Das ist in diesem Falle eine gute Idee, denn einen Vidal möchte auch wegen seiner fußballerischen Stärken niemand als Gegner haben. Douglas Costa fällt in die Kathegorie der völlig überteurten Transfers. Er ist zwar auf den ersten Schritten so schnell, dass er anderen auf fünf Metern zehn Meter abnehmen kann, er flankt keine Mondbälle, sondern schießt den Ball wirklich sehr gefährlich in den Strafraum, doch im Vergleich mit den Effizienzbestien Ribery und Robben wirkt er ein David Odonkor, der nicht beim Flanken umfällt.
Bleibt noch die entscheidende Personalie: Trainer Pep Guardiola. Es ist doch wirklich völlig unerheblich, wann erklärt wird, dass der Katalane neuer Trainer von Manchester City wird und Jürgen Klopp sein Nachfolger. Doch leider muss man jeden zweiten Tag darüber lesen. Wichtig daran ist nur die Frage, ob Pep bis dahin weiter bereit ist Bayern zu lernen, es zu begreifen, wie der Verein tickt, es zu begreifen, dass es einfach keine gute Idee ist Thomas Müller auszuwechseln, wenn das Spiel noch nicht entschieden ist. Letzteres heißt in München, bis das Spiel gewonnen ist. Insofern kann das völlig unwichtige Finale im deutschen Supercup für die Bayern am Ende zu einem Erfolg werden. Der Fußball den Guardiola spielen lässt, ist zum Zungeschnalzen. Deswegen gehen die Leute ins Stadion oder schalten den Fernseher an. Insofern sind die Ursachen für Unruhe rund um den Trainer unerheblich, sondern im besten Falle nichts anderes als konstruktive Anregung, wie der Fußball erfolgreicher werden kann. Da der Glauben, das Nicht-Wissen jedoch so stark ist, wird den Bayern eine unruhige Saison bevorstehen, in der jeder Punktverlust zum Aufschrei des Aberglaubens führen wird und damit der Erfolg verhindert wird, der bei Bayern München prinzipiell immer der Gewinn jedes Titels bedeutet.

 

So: Und jetzt gehts naus und spuits oder schauts Fußball!